Pulp Fiction
USA 1994
Regie: Quentin Tarantino
Darsteller: John Travolta, Samuel L. Jackson, Bruce Willis, Uma Thurman, Ving Rhames u.a.
Definitionen. Ezekiel 25:17 bedeutet: Jemand stirbt. Man braucht keine Pistole, um einen Laden auszurauben, ein Telefon reicht. Standpunkte. Fußmassage gleich Sex, Fußmassage gleich Kackdreck, gar nichts. Das kann man ausdiskutieren. Let's get into character. Wenn man Floskeln zu ernst nimmt, werden Dialoge seltsam und Blut fließt. Kommunikation. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Tanzen ist Platin. Standpunkte. Drive home, jerk off, I'll be a woman soon. Irrtümer. Heroin ungleich Kokain. Am Ende reden wir nicht mehr darüber. Catch up. Bedeutungen. Eine Uhr kann wichtiger als die Freundin und das eigene Leben sein. Our names mean shit. Ein Herz hat, wer aus der Hölle entkommen kann, aber zurückkehrt, um einem Feind zu helfen. Meinungen. Es gibt Wunder, es gibt keine Wunder, was denkst du, Bumm, Platz. Die personifizierte Ordnung. Just because you're a character doesn't mean that you have character. Der Wunsch nach Änderung. Die Prüfung. Einer besteht sie, einer ist bereits tot (was wir womöglich vergessen haben). I'm trying real hard to be the shepherd. Definitionen. Ezekiel 25:17 bedeutet: Jemand lebt.
Mal ganz abgesehen von genialen Dialogen (die mehr sind als hohles Geschwätz!), lebendigen Figuren, grandiosen Darstellern, absurdem Humor, perfekt passendem Soundtrack und einer der schönsten Pärchenszene der Filmgeschichte. Ein Film, welcher sich so weit vom Leben entfernt, dass es dieses wieder erreicht. Und, wie alle Tarantinos, von Sichtung zu Sichtung besser, weil vielschichtiger, tiefer, menschlicher. Tatsächlich, immer noch ein absolutes Meisterwerk.
10
The Hobbit - An Unexpected Journey
USA 2012
Regie: Peter Jackson
Darsteller: Martin Freeman, Ian McKellen, Richard Armitage, Andy Serkis u.a.
Gandalf ex machina. Man merkt immer wieder, dass die Vorlage ein Kinderbuch ist. Man merkt aber auch, dass die Verfilmung die Kraft hat, aus der Vorlage mehr zu machen. Was im Buch mit Worten der Figuren abgehandelt wird, übersetzt Jackson immer wieder in Bilder - und trifft damit genau die Essenz einer Buchadaption. Natürlich ist der Film zu langgezogen - was man zum Schluss hin weniger stark merkt - natürlich ist der Vorwurf der reinen Geldgier kaum aus dem Hinterkopf zu bekommen. Aber sobald der Film es schafft, eine Behauptung aus dem Buch in eine mitreißende, emotionale Szene umzuwandeln, möchte man ihm seine Ausgedehntheit nun doch nicht übel nehmen. The Hobbit ist öfters ein Paradebeispiel für das Erzählmedium Film, weil er das, was er erzählt, vorwiegend zeigt - in wahrlich großen, überwältigenden Bildern.
Die neue HFR-Technik ist ein Wagnis und lässt Erinnerungen an Camerons Avatar wach werden. Die visuellen Ziele der beiden Werke sind im Grunde gleich: Avatar wollte eine außerirdische Welt so real wie nur möglich wirken lassen (Stichwort Eskapismus - auch in der Story fein aufgegriffen) - The Hobbit eine (bereits bekannte) Fantasywelt (eigentlich DIE Film-Fantasywelt unserer Zeit). Mittelerde war nie so greifbar. Eigentlich war nie eine Filmwelt so greifbar. Was dem einen ein abstoßender TV-Bild-Effekt, ist dem anderen eine visuelle Erfüllung. Feinde von 3D werden mit HFR wohl auch nicht warm, Freunde der Technik sollten eine Sichtung riskieren. Denn: Es ist definitiv ein Fortschritt. Panoramabilder waren noch nie so groß wie in diesem Film. Viele der Einstellungen sind atemberaubend und der Gigantismus der Felsenkraxelei war für mich der größte (im wörtlichen Sinne) Kinomoment seit langem.
Das hat mit Film, mit filmischen Filtern, mit Perspektivenbeschneidung oftmals nichts mehr zu tun, weswegen sich viele vor den Kopf gestoßen fühlen (werden) und ich schätze Jacksons Mut, diese noch so junge Technik einzuführen. Der Clou des Ganzen liegt (womöglich) darin, einen Fantasyfilm in bester Fantasyfilmtradition aussehen zu lassen, als wäre er real. Das ist verwirrend und man kann streiten, inwiefern das sinnvoll ist. Aber es ist ein Versuch und es ist ein Novum. Ich persönlich fand's faszinierend.
Ansonsten: Schöne Kinounterhaltung in großen Gesten und zugleich mit Gefühl für feine Details. Steckbriefangaben wie Kamera, Schnitt, Effekte, Musik, Darsteller und Inszenierung lassen praktisch keine Kritik aufkommen, auch wenn einigen der Humor sicherlich hier und da zu kindisch sein wird - und die Sequenz um Gollum ist genau die Gänsehautperle, die man sich erhofft hat. Neben einer schönen Rückkehr nach Mittelerde bietet der Film aber vor allem - eine neue Kinovision. Keine unstreitbar positive, aber eine mutige und (buchstäblich) große. Gegen Ton- und Farbfilm, DVDs und Blu-Rays und 3D (sowieso) wurde übrigens auch viel gewettert. Manchmal wünsche ich mir mehr Mut zur Zukunft. Für mich, der jeden neuen und gewagten Schritt des Blockbusterkinos begrüßt, auf jeden Fall ein tolles Erlebnis.
7
Anna Karenina
Großbritannien 2012
Regie: Joe Wright
Darsteller: Keira Knightley, Aaron Taylor-Johnson, Jude Law, Matthew Macfayden u.a.
Im Anfang opulentes, prächtiges Theater, so inszeniert und eingeübt wie die darin porträtierte Gesellschaft: Schöne Kleider, bunte Feste, schneller Szenenwechsel, eine Komposition des schönen Lebens. So reißt der Film seinen Zuschauer in seine beinahe märchengleiche Welt, wo die Kamera schwungvoll von Szenerie zu Szenerie, von Dekoration zu Dekoration gleitet, während sich die Welt mit den Schritten der Protagonisten entfaltet. Nur das pechschwarze Gesicht eines Arbeiters lässt vermuten, was hinter den Kulissen passieren mag - und ein blutiger Unfall zeigt, dass das Stück doch im Leben stattfindet. Dann macht sich Anna auf eine schmerzhafte Reise, wenn das Spot(t)licht der Gesellschaft ihr den Weg in die Finsternis und die Verzweiflung weist. Irgendwann wirkt der Film quälend langsam, quälend zerrissen und man sehnt sich nach dem Elan des Anfangs. Aber das ist kein Schwachpunkt, sondern nur die logische Konsequenz: Am Ende sind wir aus der Bühnenillusion eines Lebens in dessen Off angekommen - ein Weg aus der Überinszenierung in die Realität, gleich dem Wege Annas. Somit ist Anna Karenina nicht bloß ein sehr schön, sondern auch ein sehr intelligent inszeniertes Werk. Und nachdem der Zug des Lebens den Traum überholt hat, erscheint eine mögliche Erlösung in den goldfarbenen ländlichen Feldern, wo man das Leben lebt, anstatt es zu spielen - ganz im Sinne Tolstois. Die tolle Besetzung tut ihr Übriges für den Kinogenuss: Knightley passt bereits optisch perfekt in das Liebesmärtyrium, Law überzeugt mit gequälter Beherrschung und Macfayden ist vielleicht der beste Russe, den ein Nichtrusse jemals gespielt hat.
7
300
USA 2007
Regie: Zack Snyder
Darsteller: Gerard Butler, Rodrigo Santoro, David Wenham, Michael Fassbinder u.a.
Dieser Film ist eine Lüge. Diese Geschichte ist eine Lüge. Der Erzähler
ist einer von ihnen, wir dürfen ihm nicht glauben. Wir dürfen niemandem
glauben. Nicht unseren Augen und schon gar nicht unseren Ohren. Nicht
den Parolen und nicht der Motivation. 300 ist manipulativ, aber so
offen manipulativ, dass man darauf eigentlich nicht reinfallen kann (und
schon gar nicht darf!). Das ist nicht mehr "Style > Content" - das
ist ("SPARTA!"): "Style = Content". Wessen Feindbilder waren nochmal
dunkelhäutig und/oder homosexuell? Wer verlangt Entmystifizierung und
schafft permanent eigene Legenden? Snyders erstes Vorzeigewerk erscheint
nach reichlich Über-Überlegung mehr wie ein Sitten- denn wie ein
Schlachtenbild, wie eine Karikatur, die dem Zuschauer vorgaukelt, sie
seie ernstzunehmen. Aber man kann das alles nicht ernst nehmen. Man kann
die Lügen nicht übersehen. Die Erzählung ist ebenso künstlich wie ihre
Bilder. Der Aberglaube ist besiegt, es lebe der Aberglaube. Denn so
entsteht Geschichte, Tag für Tag. Heute vielleicht extremer als damals.
Vielleicht kommt der Film zu einer perfekten Zeit. Vielleicht ist er
kontroverser als für jemals erachtet worden. Nur vielleicht - aber nicht
unmöglich. Denn unerwartet viele Filme sind schlauer als ihre
Zuschauer. Schließen möchte ich mit einer Paraphrase aus Snyders
endgültigem Triumph: You have all the information you need. Now think!
8
Amour
Frankreich 2012
Regie: Michael Haneke
Darsteller: Jean-Louis Trintignant, Emmanuelle Riva, Isabelle Huppert u.a.
Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel auf deinen Arm. Denn Liebe ist stark wie der Tod und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich. (Hohelied 8,6)
Es gibt eine Szene in diesem Film, einen kurzen Dialogausschnitt zwischen den beiden, worin so viel Respekt, Verständnis und - eben - Liebe zu spüren ist, dass mir noch immer warm ums Herz ist. Ein großer, seinem Thema würdiger Film, uneingeschränkt empfehlenswert. So intim wie ein Werk von Chris Ware. Viel mehr muss man dazu auch nicht sagen.
Prometheus
USA 2012
Regie: Ridley Scott
Darsteller: Noomi Rapace, Michael Fassbender, Charlize Theron, Idris Elba, Guy Pearce
Die Wertung gilt vor allem dem Kinoerlebnis Prometheus und dem äußerst gelungenen 3D-Einsatz: Gewöhnt man sich in den meisten Fällen schnell an den Effekt, schafft es Scott bei seinem letzten Werk, diesen stets präsent zu halten. Die teure Spielerei macht die Erdspalten enger, den Staub dichter, das Metall kälter und die Hologramme futuristischer - womit Prometheus zum in meiner Erfahrung besten 3D-Blockbuster und dem besten 3D-Film seit Pina aufsteigt. Das ist mir durchaus einen Bonuspunkt wert.
Der Film selbst ist ein riskantes Manöver und sein Scheitern bei einem großen Teil der Zuschauer liegt quasi im Konzept begründet. Inhaltlich möchte Scott eine religiöse Parabel aufbauen, genretechnisch einen spannenden Horrorfilm abliefern - und die Klischees des letzteren hätten auch in einem reinen Genrewerk für viel Murren gesorgt. Für den ein oder anderen Gruseleffekt oder aus Mangel an konsistenteren Drehbuchideen werden hier mal physische, mal psychische Absurditäten aneinandergereiht, welche mir (diesmal als sehr gebanntem Zuschauer) im Erlebnis nicht auffielen, aber hinterher doch arg zum Kopfschütteln verleiten. Spannend und stellenweise schmerzhaft intensiv ist der Film dennoch und nicht zuletzt dank der Figur des Androiden David streift die Atmosphäre wunderbar ungreifbare Ecken (welche hoffentlich im Sequel klarer umrissen werden).
Inhaltlich ist Prometheus durchaus ein Wagnis und ich wage zu behaupten, dass es auch seine Thematik ist, welche neben den Plotlöchern für Missgunst der Zuschauer gesorgt hat. Als Idee von Schöpfung, welche aus Selbstopferung entsteht, als Erzählung von Egoismus, welcher diese Idee kontaminiert, sie in Zerstörung umkehrt, ist der Film womöglich überambitioniert, zumindestens in meinen Augen aber sehr interessant. Hinter der Fassade eines Science-Fiction-Horrortrips geraten Ideen und Ideale aneinander, die ewige Frage, woher wir kommen und was unsere Bestimmung ist (man verzeihe mir den leicht pathetischen Ausdruck), wirkt zwischen mysteriösem Schleim und außerirdischen Kreaturen gewiss verwirrend, aber auch erfrischend. Manch ein Alien-Fan mag sich über fehlende Phallussymbole beschweren, aber Scotts Ideen bewegen sich nun auf einem anderen Terrain, etwas ungeschickt, aber gerade fürs zumeist atheistische Blockbusterkino beinahe mutig. Dass vieles auf das Sequel verschoben wird, ist ärgerlich und motivierend zugleich und eine finale Aussage über die Umsetzung des Themas möchte ich mir bis zur Sichtung dieses doch verkneifen. Mag sein, dass der zweite Teil versagt (das Konzept dürfte riskant bleiben), aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.
Als Alien-Prequel betrachtet möchte man Scott ein kleines Augenzwinkern nicht abstreiten, wenn Prometheus endlich einen kleine Brücke zum Kultfranchise schlägt. Und ganz so fern der sexuellen Ängste ist diese Brücke nicht, bedenkt man die intendierte Lesart (kein wirklicher Spoiler: Der Ursprung vom Alien liegt tatsächlich im Menschen selbst). Das Versprechen, welches der Trailer machte (ergo: Ein großer, brutaler Horrorblockbuster), kann Prometheus durchaus einlösen, sieht man über die Logikschlenker hinweg - inhaltlich erfüllt er sogar mehr, bringt man etwas Interpretationslust mit. Man mag nun warten, ob der zweite Teil dieses inhaltliche Versprechen halten kann. Bisher bin ich zufrieden und sehr gespannt.
7
Ôdishon
Japan 1999
Regie: Takashi Miike
Darsteller: Ryo Ishibashi, Eihi Shiina u.a.
Vielleicht der beste Meta-Horrorfilm. Im Gegensatz zu den klassischen
Vertretern dieser Filmgattung zielt Miike nicht auf eine simple
Dekonstruierung der Mechanismen des Genres, sondern dorthin, wo's im
wahrsten Sinne des Wortes wirklich weh tut: In die Mechanismen, welche
uns Angst haben lassen. Angst, welche bekanntlich oft aus einer
bestimmten Ungewissheit, einer bestimmten Ahnung entsteht. Man fühlt
sich an Oldboy erinnert: Die Menschen haben nur Angst, weil sie zu
viel Fantasie haben. Auch: Weil sie leichtgläubig sind. Der
unerträgliche Schrecken, die höllischen Bilder einer perversen, völlig
kranken Gefangenschaft funktionieren, weil wir bereit sind, sie zu
glauben. Und so wie sich am Schluss die unweigerliche Frage stellt, was
mit unserem doch so sympathischen Protagonisten denn nicht in Ordnung
ist, müsste sich auch die Frage stellen, was in unseren Köpfen plötzlich
geschehen ist. Und: Welche der Ebenen wünschen wir uns eigentlich zum
Schluss? Sind die Monster jene, vor denen wir uns fürchten, oder sind
wir die Monster, weil wir uns fürchten? Audition verstört und
schmerzt, vor allem beschäftigt er jedoch, weil hinter seiner
Grausamkeit eine noch größere Grausamkeit steckt: Die unsere. Das ist
Genrekino bis in den letzten Winkel gedacht. Das ist Urhorror.
9