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Freitag, 4. Juli 2014

Abbitte


Atonement
Großbritannien 2007
Regisseur: Joe Wright
Darsteller: Saiorse Ronan, Romola Garai, James McAvoy, Keira Knightley u.a.

Tack-tack-tack-tack-tack rattert die Schreibmaschine die anfängliche Idylle zu Bruch, die Anschläge ähnlich den Bühnenbildern in Wrights späterem Anna Karenina: Ein System, ein Rahmen für die Geschichte, dessen Schluss man erahnen kann. Das Vorurteil, oder warum man einzelnen Bildern nicht trauen sollte, im Leben wie im Kinosaal. Briony (Saoirse Ronan beweist sich früh), dreizehn Jahre alt und mit mehr im Kindeskopf als gut für sie und alle anderen wäre, zieht Schlüsse aus Augenblicken und Konsequenzen aus ihren Gefühlen und verdammt damit ihre Schwester (Keira Knightly - es ist fast ein schlechtes Omen, wenn ihre Filmfiguren jemanden küssen) und ihren heimlich geliebten Robbie (James McAvoy sammelt wieder Pluspunkte) zu einer brutalen Trennung. Fünf Jahre später steht der Zweite Weltkrieg zwischen den drei Beteiligten und während Briony sich wortwörtlich das Blut von den Händen zu waschen versucht und ihre Schwester ihre Entschuldigungen nicht annehmen möchte, wandert Robbie wie durch einen (Alp-)Traum durch das rauchende Frankreich, in der Hoffnung auf die heimbringende Küste. Tack-tack-tack-tack-tack rattert die Schreibmaschine die Melodie der nicht erfüllten Wünsche, die Kamera findet die schönsten Bilder für die hoffnungslosesten Momente und wenn Robbie vor einer Kinoleinwand sein Gesicht in seinen Händen vergräbt, sollten wir wissen, dass Erlösung im Leben selbst am seltensten zu finden ist - aber es gibt ja gewisse Mittel und Wege. Joe Wright beweist sich als Garant für ansprechende Buchumsetzungen und präsentiert einen Liebes-, Schuld- und Sühnenfilm in großartigen Bildern (Kamera: Seamus McGarvey*), dessen Ende besser nicht hätte sein können. Das Leben und die Kunst - eine (Hass?)Liebe, an die man gerne erinnert wird.
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Weiterschauen: Anna Karenina (Wright),Wahnsinnig verliebt (Colombani)
*später auch für die Kamera in Anna Karenina sowie The Avengers und Godzilla verantwortlich.
- Ich mochte bisher alle gesehenen Joe Wright-Filme, aber Der Solist wirkt immer noch so ... Chance geben oder nicht?

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Freitag, 7. Februar 2014

Der Hobbit: Smaugs Einöde


The Hobbit: The Desolation of Smaug
USA 2013
Regie: Peter Jackson
Darsteller: Martin Freeman, Ian McKellen, Benedict Cumberbatch, Richard Armitage, Orlando Bloom, Lee Pace, Evangeline Lilly, Aidan Turner

Der lange Weg des Peter Jackson: Von skurril-verspielten (und äußerst blutigen) Grotesken hin zur epischsten und ernstesten Fantasyerzählung, die das Kino jemals gesehen hatte. Nun scheint es, als würde eine gewisse Nostalgie den Regisseur befallen - ist der Boden der Bodenständigkeit doch ein hartes Pflaster? Warum nicht einfach den visuellen Realismus auf eine neue Stufe bringen - das Kino von heute ist 48-mal Wahrheit und Lüge in der Sekunde*. Das war schon während der ersten Revisite von Mittelerde leicht verwirrend, wenn Riesen aus Stein und Fels sich so nahe wie die Real-RTLer in einem überfüllten Bus anfühlten, aber erst in Smaugs Einöde werden die teuflischen Ausmaße von HFR 3D wirklich erkennbar: Das ist nicht mehr ein hyperrealer Fantasyfilm, dass ist ein hyperrealer Fantasyanimationsfilm! Die Physik von diesem Film folgt nämlich gar keinen Gesetzen mehr, höchstens noch denen des Zeichentrickfilms oder eines Videospiels: Hier kann Legolas mit der Sprungpräzision eines italienischen Klempners über einen reißenden Fluss speedrunnen und Headshots verteilen, als würde er über ein Anvisiersystem verfügen, hier schmelzen drölfzig Tonnen Gold schneller als ein Plastikbecher auf einer heißen Herdplatte, hier rennen Orks über klapprige Dächer mit der Lautstärke eines schlafenden Schmetterlings. Und wenn wir schon den Feind nicht besiegen können, dann färben wir ihn golden! Vielleicht schämt er sich dann von selbst zu Tode. Das alles so vor der Nase und gefühlt echt, dass man teils gar nicht mehr wissen will, wie Filme ein paar Dekaden weiter aussehen könnten. Und trotz allem, der Ton bleibt düster, manchmal todernst und dann präsentiert der Film in der Schwärze Saurons das greifbarste ungreifbare Böse, was jemals hätte visuell eingefangen werden können. Nein, das ist definitiv nicht der neue Herr der Ringe, aber nein, das ist kein Grund zur Trauer. Mittelerde lebt weiter und möchte feiern, wie es sich für das Jahrzehnt gehört. Leider? Leider geil.
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*Grüße an Godard und Fassbinder.

- Ja, ich bin ein Fan von HFR 3D, es fühlt sich nicht unbedingt gesund an, aber welche Immersion!
- Noch einmal: Saurons Auge war hier optisch mit das Beste, was ich je (im Kino) erblicken durfte. (siehe auch Zeile drüber)
Weiterschauen: Die Abenteuer von Tim und Struppi (Spielberg; bin gerade mal sehr auf Jacksons Fortsetzung davon gespannt)

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Freitag, 31. Januar 2014

Eine Frau, von der man spricht


Uwasa no onna
Japan 1954
Regie: Kenji Mizoguchi
Darsteller: Kinuyo Tanaka, Yoshiko Kuga, Tomoemon Otani u.a.

Yukiko ist nicht gut zu sprechen auf ihre Mutter: Diese hat zwar für ihre gute Bildung gesorgt, allerdings mit dem Geld aus dem familieneigenen Bordell. Die Last, nur dank fremder Prostitution sozial aufgestiegen zu sein, nagt an ihrem Gewissen - und der junge Arzt Matoba an ihren Gefühlen. Doch auf diesen hat auch die Mutter bereits Auge und Hoffnung gelegt - und wie sagt man so oft: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Kenji Mizoguchi widmet sich (wieder einmal) Frauen mit teils abseitigen Professionen und zieht vor dem Hintergrund eines geschäftigen Geishahauses eine verzwickte Mutter-Tochter-Falle auf, die durch einen Dritten aus- wie gelöst wird. Eine Frau, von der man spricht fängt dort an, wo Die Festmusik von Gion vor einem Jahr aufgehört hat: In einer Welt, in der "Geisha" und "Prostituierte" Synonyme geworden sind. Da kann Yukiko sich noch so laut über die Ungerechtigkeit, die sie selbst als Bevorteilte spürt, aufregen: Erst nähert sie sich den Menschen dahinter, dann, unvermeidlich, dem System, nachdem die Liebe sie ein zweites Mal fallen lässt. Und währenddessen stellt sich ihre Mutter als die titelgebende Frau, von der man spricht heraus, wenn ihr die Gesichtszüge entgleiten, als sie einer No-Theater-Komödie beiwohnen muss, in der die Liebeslust einer alten Frau als Lachnummer und Lächerlichkeit präsentiert wird. Eine heikle Situation baut sich auf, aber nichts rauft Menschen mehr zusammen als ein gemeinsamer Feind. Am Ende scheint alles wieder heil und wäre es auch, hinge die bestätigte Ausweglosigkeit nicht so bleiern drüber.

"You know, in some ways, life is all about suffering, but you have to learn to live with it." - "...A strange feeling came over me, when I sat at reception today. In a way, I felt like I'd been sitting there all my life. And I felt that I could happily sit there for the rest of my life, too." - "You sat there from the moment you were inside my tomb."

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- Einer von drei (!) Filmen von Mizoguchi, die 1954 erschienen sind (Sansho Dayu und Chikamatsu monogatari kamen im selben Jahr raus) - Respekt für das Arbeitstempo (2).

- Dürfte das erste Mal sein, dass Mizoguchi mit eingebauten (No-)Theaterszenen gearbeitet hat. Dass es auch Komödien in dieser Form gab, ist logisch, war mir aber neu (und nicht unbedingt mein Humor). Dafür sind die Szenen immerhin untertitelt (shame on Criterion's Kagemusha).
- Ich denke gerade auch an "Viele, die eine Ahnung haben von ihren Möglichkeiten und ihren Bedürfnissen und trotzdem das herrschende System in ihrem Kopf akzeptieren durch ihre Taten und es somit festigen und durchaus bestätigen", habe den entsprechenden Film zwar noch nicht gesehen, der Satz passt aber um eine Ecke.
Weiterschauen: Die Festmusik von Gion (und alles Weitere von Mizoguchi), Die Reifeprüfung (aus der Sicht des Mannes ist's wohl einfacher)


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Sonntag, 26. Mai 2013

Der große Gatsby


The Great Gatsby
USA 2013

Regie: Baz Luhrmann
Darsteller: Leonardo Di Caprio, Tobey Maguire, Carey Mulligan, Joel Adgerton u.a.

Manche Menschen glauben, dass die Zeit zyklisch verläuft, dass sich Geschehenes - immer und immer wieder - wiederholt, dass bestimmte Tendenzen, bestimmte Kulte, bestimmte Entscheidungen in zyklischen Abständen auftreten, welche immer kürzer werden, wie auf einer Spirale, in dessen Mitte - etwas Ungewisses liegt, und wir alle steuern hilflos drauf zu, verdammt, unsere Fehler immer wieder zu begehen, oder doch: Gesegnet, unsere Heldentaten immer wieder zu vollbringen?

Manche Menschen hoffen, dass sich Vergangenheit wiederholt, dass all die Entwicklungen, die seit einer Fehlentscheidung getroffen wurden, nur dazu führen, dass diese, nach Jahren, wieder behoben wird, dass das Glück, welches einem damals entging, wieder an einem vorbeischwebt und man es dieses Mal auch greifen kann. Ihre Hoffnungen können im Stillen getragen werden, doch können sie auch ausbrechen, eskalieren, so sehr, dass sie auch andere Menschen mitreißen, die, unbewusst der Gründe der Eskalation, der sie sich hingeben, jene noch weiter nach oben treiben.

Manchmal wiederholt sich Vergangenes, findet Jahrzehnte, Jahrhunderte später wieder statt, in anderen Tönen und doch mit denselben Gefühlen - Empfindungen - Einstellungen. Man kann es erkennen, wenn man die Zeitebenen übereinander legt und feststellt, dass die Formen dieselben sind, dass das Heute auch ein Gestern gewesen ist, dass unsere Gegenwart in manchen Aspekten unsere Vergangenheit und unsere Zukunft ist. Dann können wir durch die ganze Menschheitsgeschichte durch - saufen, tanzen, feiern, bis die Welt von unserem Gegröle auseinanderbricht.

Doch manchmal ist Vergangenheit tatsächlich - Vergangenheit, und nichts wird diese wieder aufwecken können, egal, wie sehr wir uns anstrengen, egal, ob wir die Welt in Prunk ersaufen lassen, egal, ob wir zu Legenden werden, egal, ob wir Sekunde für Sekunde hoffen und alles unser Tun nur diesem einen vergangenem Moment widmen, um ihn wieder greifen zu können. Dann können wir schreien, die Welt um uns zerreißen, alle mitsamt sich selbst verfluchen - bis uns der eigene Fluch trifft.


7

Dienstag, 14. Mai 2013

Amer - Die dunkle Seite deiner Träume


Amer
Frankreich/Belgien 2009
Regie: Hélène Cattet, Bruno Fornazi
Darsteller: Marie Bos, Delphine Brual, Harry Cleven, Bianca Maria D'Amato u.a.

Eine wundervolle Zumutung, schmerzhaft in die Länge gezogen und dadurch für den Zuschauer fast so quälend wie für die Protagonistin. Ein morbider, beinahe ekelerregender Alptraum im Auftakt, ein sinnliches Knistern im Mittelteil, wo man jeden Windzug zu spüren glaubt, und eine brutale Eskalation im Schlussteil, die als logische Folge von psychologischer Entwicklung bestimmt funktioniert, aber als entfesselte Hommage an blutige Morde, in schwarzen Handschuhen und mit schwarfen Klingen verübt, mindestens im ersten Moment besser wirkt. Der Soundtrack - mit der Virtuosität eines Tarantino zusammengeklaut - verleiht dem Film gefühlt die Hälfte seines Charakters plus sorgt im Abspann dafür, dass sich das eben Gesehene fest ins Gedächtnis einbrennt. Natürlich ist Amer Style over Content, natürlich ist er viel zu lang, natürlich schreit er in jeder Einstellung "Ich bin Kunst, bitches!" Aber seine Art, sich sowohl der Physis wie auch der Psyche seiner Protagonistin in jeder Sekunde mit einer solch beängstigender Intimität anzunähern, macht ihn zu einem verdammt intensiven Filmerlebnis, welches mächtig auf den Magen schlägt. 

8

Die Festmusik von Gion


Gion Bayashi
Japan 1953
Regie: Kenji Mizoguchi
Darsteller: Ayako Wakao, Seizaburô Kawazu u.a.

"Ihr seid Kunstwerke!" wird den angehenden Geishas zu Beginn des Films von einer alten Frau mit auf ihren Weg gegeben. Ein Weg der Abhängigkeit, das steht von Anfang an fest - dass es letztlich eine körperliche ist und "Geisha" zum edleren Begriff für eine eigentliche Prostituierte verkommt, mag man als Zuschauer schnell befürchten. Die sechszehnjährige Eiko, deren Mutter (selbst eine bekannte Geisha) verstirbt und dessen Vater sich wegen Geldproblemen weigert, sie zu unterstützen, wird diesen moralischen Abstieg im finanziellen Aufstieg auf schmerzhafte Weise erfahren müssen. Auch die ihr freundlich gesinnte Miyoharu kann das kaum verhindern und wenn beide Frauen versuchen, der jeweils anderen in ihrer Lage zu helfen, kann dies nur durch Selbstaufopferung funktionieren. Am Schluss gilt es somit für beide, sich der Situation schweigend anzupassen, um nicht noch tiefer zu fallen. "Dreistigkeit" findet eine filmische Definition in der Rückkehr des Vaters, welcher zwar früher nicht für seine Tochter sorgen wollte, aber davon ausgeht, an ihrem Geld teilhaben zu können. Immerhin weiß sich Eiko zu wehren, als sie zum ersten Mal zum Sex genötigt wird: Ein kurzer, angenehm schmerzvoller Rachemoment in einer Welt, wo Frauen die soziale Pyramide nur nackt und ergeben und selbst dann nur wenige Stufen nach oben erklimmen können. Ein ruhiger, trauriger und an einigen Stellen wütend machender Film, der zumindestens einer Freude beherbergt: Fünf Werke dieses tollen Regisseurs warten noch auf eine Sichtung und ich rede nur von denen in meinem "Besitz". 


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- Mizoguchi porträtierte hiermit die tatsächliche Entwicklung des Geishabegriffs im Japan der 50er. Der gute Mann hatte generell viel Kontakt zu den Vertreterinnen des Gewerbes und ließ sie gerne ihm ihre Erfahrungen berichten. 

7

Montag, 17. Dezember 2012

Der Hobbit - Eine unerwartete Reise


The Hobbit - An Unexpected Journey
USA 2012
Regie: Peter Jackson
Darsteller: Martin Freeman, Ian McKellen, Richard Armitage, Andy Serkis u.a.

Gandalf ex machina. Man merkt immer wieder, dass die Vorlage ein Kinderbuch ist. Man merkt aber auch, dass die Verfilmung die Kraft hat, aus der Vorlage mehr zu machen. Was im Buch mit Worten der Figuren abgehandelt wird, übersetzt Jackson immer wieder in Bilder - und trifft damit genau die Essenz einer Buchadaption. Natürlich ist der Film zu langgezogen - was man zum Schluss hin weniger stark merkt - natürlich ist der Vorwurf der reinen Geldgier kaum aus dem Hinterkopf zu bekommen. Aber sobald der Film es schafft, eine Behauptung aus dem Buch in eine mitreißende, emotionale Szene umzuwandeln, möchte man ihm seine Ausgedehntheit nun doch nicht übel nehmen. The Hobbit ist öfters ein Paradebeispiel für das Erzählmedium Film, weil er das, was er erzählt, vorwiegend zeigt - in wahrlich großen, überwältigenden Bildern.

Die neue HFR-Technik ist ein Wagnis und lässt Erinnerungen an Camerons Avatar wach werden. Die visuellen Ziele der beiden Werke sind im Grunde gleich: Avatar wollte eine außerirdische Welt so real wie nur möglich wirken lassen (Stichwort Eskapismus - auch in der Story fein aufgegriffen) - The Hobbit eine (bereits bekannte) Fantasywelt (eigentlich DIE Film-Fantasywelt unserer Zeit). Mittelerde war nie so greifbar. Eigentlich war nie eine Filmwelt so greifbar. Was dem einen ein abstoßender TV-Bild-Effekt, ist dem anderen eine visuelle Erfüllung. Feinde von 3D werden mit HFR wohl auch nicht warm, Freunde der Technik sollten eine Sichtung riskieren. Denn: Es ist definitiv ein Fortschritt. Panoramabilder waren noch nie so groß wie in diesem Film. Viele der Einstellungen sind atemberaubend und der Gigantismus der Felsenkraxelei war für mich der größte (im wörtlichen Sinne) Kinomoment seit langem.

Das hat mit Film, mit filmischen Filtern, mit Perspektivenbeschneidung oftmals nichts mehr zu tun, weswegen sich viele vor den Kopf gestoßen fühlen (werden) und ich schätze Jacksons Mut, diese noch so junge Technik einzuführen. Der Clou des Ganzen liegt (womöglich) darin, einen Fantasyfilm in bester Fantasyfilmtradition aussehen zu lassen, als wäre er real. Das ist verwirrend und man kann streiten, inwiefern das sinnvoll ist. Aber es ist ein Versuch und es ist ein Novum. Ich persönlich fand's faszinierend.

Ansonsten: Schöne Kinounterhaltung in großen Gesten und zugleich mit Gefühl für feine Details. Steckbriefangaben wie Kamera, Schnitt, Effekte, Musik, Darsteller und Inszenierung lassen praktisch keine Kritik aufkommen, auch wenn einigen der Humor sicherlich hier und da zu kindisch sein wird - und die Sequenz um Gollum ist genau die Gänsehautperle, die man sich erhofft hat. Neben einer schönen Rückkehr nach Mittelerde bietet der Film aber vor allem - eine neue Kinovision. Keine unstreitbar positive, aber eine mutige und (buchstäblich) große. Gegen Ton- und Farbfilm, DVDs und Blu-Rays und 3D (sowieso) wurde übrigens auch viel gewettert. Manchmal wünsche ich mir mehr Mut zur Zukunft. Für mich, der jeden neuen und gewagten Schritt des Blockbusterkinos begrüßt, auf jeden Fall ein tolles Erlebnis. 


7

Freitag, 14. Dezember 2012

Anna Karenina


Anna Karenina
Großbritannien 2012
Regie: Joe Wright
Darsteller: Keira Knightley, Aaron Taylor-Johnson, Jude Law, Matthew Macfayden u.a.

Im Anfang opulentes, prächtiges Theater, so inszeniert und eingeübt wie die darin porträtierte Gesellschaft: Schöne Kleider, bunte Feste, schneller Szenenwechsel, eine Komposition des schönen Lebens. So reißt der Film seinen Zuschauer in seine beinahe märchengleiche Welt, wo die Kamera schwungvoll von Szenerie zu Szenerie, von Dekoration zu Dekoration gleitet, während sich die Welt mit den Schritten der Protagonisten entfaltet. Nur das pechschwarze Gesicht eines Arbeiters lässt vermuten, was hinter den Kulissen passieren mag - und ein blutiger Unfall zeigt, dass das Stück doch im Leben stattfindet. Dann macht sich Anna auf eine schmerzhafte Reise, wenn das Spot(t)licht der Gesellschaft ihr den Weg in die Finsternis und die Verzweiflung weist. Irgendwann wirkt der Film quälend langsam, quälend zerrissen und man sehnt sich nach dem Elan des Anfangs. Aber das ist kein Schwachpunkt, sondern nur die logische Konsequenz: Am Ende sind wir aus der Bühnenillusion eines Lebens in dessen Off angekommen - ein Weg aus der Überinszenierung in die Realität, gleich dem Wege Annas. Somit ist Anna Karenina nicht bloß ein sehr schön, sondern auch ein sehr intelligent inszeniertes Werk. Und nachdem der Zug des Lebens den Traum überholt hat, erscheint eine mögliche Erlösung in den goldfarbenen ländlichen Feldern, wo man das Leben lebt, anstatt es zu spielen - ganz im Sinne Tolstois. Die tolle Besetzung tut ihr Übriges für den Kinogenuss: Knightley passt bereits optisch perfekt in das Liebesmärtyrium, Law überzeugt mit gequälter Beherrschung und Macfayden ist vielleicht der beste Russe, den ein Nichtrusse jemals gespielt hat. 

7

Sonntag, 30. September 2012

Prometheus


Prometheus
USA 2012
Regie: Ridley Scott
Darsteller: Noomi Rapace, Michael Fassbender, Charlize Theron, Idris Elba, Guy Pearce

Die Wertung gilt vor allem dem Kinoerlebnis Prometheus und dem äußerst gelungenen 3D-Einsatz: Gewöhnt man sich in den meisten Fällen schnell an den Effekt, schafft es Scott bei seinem letzten Werk, diesen stets präsent zu halten. Die teure Spielerei macht die Erdspalten enger, den Staub dichter, das Metall kälter und die Hologramme futuristischer - womit Prometheus zum in meiner Erfahrung besten 3D-Blockbuster und dem besten 3D-Film seit Pina aufsteigt. Das ist mir durchaus einen Bonuspunkt wert.

Der Film selbst ist ein riskantes Manöver und sein Scheitern bei einem großen Teil der Zuschauer liegt quasi im Konzept begründet. Inhaltlich möchte Scott eine religiöse Parabel aufbauen, genretechnisch einen spannenden Horrorfilm abliefern - und die Klischees des letzteren hätten auch in einem reinen Genrewerk für viel Murren gesorgt. Für den ein oder anderen Gruseleffekt oder aus Mangel an konsistenteren Drehbuchideen werden hier mal physische, mal psychische Absurditäten aneinandergereiht, welche mir (diesmal als sehr gebanntem Zuschauer) im Erlebnis nicht auffielen, aber hinterher doch arg zum Kopfschütteln verleiten. Spannend und stellenweise schmerzhaft intensiv ist der Film dennoch und nicht zuletzt dank der Figur des Androiden David streift die Atmosphäre wunderbar ungreifbare Ecken (welche hoffentlich im Sequel klarer umrissen werden).

Inhaltlich ist Prometheus durchaus ein Wagnis und ich wage zu behaupten, dass es auch seine Thematik ist, welche neben den Plotlöchern für Missgunst der Zuschauer gesorgt hat. Als Idee von Schöpfung, welche aus Selbstopferung entsteht, als Erzählung von Egoismus, welcher diese Idee kontaminiert, sie in Zerstörung umkehrt, ist der Film womöglich überambitioniert, zumindestens in meinen Augen aber sehr interessant. Hinter der Fassade eines Science-Fiction-Horrortrips geraten Ideen und Ideale aneinander, die ewige Frage, woher wir kommen und was unsere Bestimmung ist (man verzeihe mir den leicht pathetischen Ausdruck), wirkt zwischen mysteriösem Schleim und außerirdischen Kreaturen gewiss verwirrend, aber auch erfrischend. Manch ein Alien-Fan mag sich über fehlende Phallussymbole beschweren, aber Scotts Ideen bewegen sich nun auf einem anderen Terrain, etwas ungeschickt, aber gerade fürs zumeist atheistische Blockbusterkino beinahe mutig. Dass vieles auf das Sequel verschoben wird, ist ärgerlich und motivierend zugleich und eine finale Aussage über die Umsetzung des Themas möchte ich mir bis zur Sichtung dieses doch verkneifen. Mag sein, dass der zweite Teil versagt (das Konzept dürfte riskant bleiben), aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Als Alien-Prequel betrachtet möchte man Scott ein kleines Augenzwinkern nicht abstreiten, wenn Prometheus endlich einen kleine Brücke zum Kultfranchise schlägt. Und ganz so fern der sexuellen Ängste ist diese Brücke nicht, bedenkt man die intendierte Lesart (kein wirklicher Spoiler: Der Ursprung vom Alien liegt tatsächlich im Menschen selbst). Das Versprechen, welches der Trailer machte (ergo: Ein großer, brutaler Horrorblockbuster), kann Prometheus durchaus einlösen, sieht man über die Logikschlenker hinweg - inhaltlich erfüllt er sogar mehr, bringt man etwas Interpretationslust mit. Man mag nun warten, ob der zweite Teil dieses inhaltliche Versprechen halten kann. Bisher bin ich zufrieden und sehr gespannt.


7

Freitag, 24. August 2012

Die Abenteuer von Tim und Struppi - Das Geheimnis der Einhorn


The Adventures of Tintin
USA 2011
Regie: Steven Spielberg
Darsteller/Sprecher: Jamie Bell, Andy Serkis, Daniel Craig u.a.

Eins vorweg: Mit den Comics und der Zeichentrickserie kenne ich mich gar nicht aus, meine Bewertung ist also frei von allen möglichen Fanerwartungen. Ich erinnere mich allerdings, dass ich früher (noch in Russland) mal die ersten Folge der/einer Zeichentrickserie von Tim und Struppi gesehen habe, in der es um irgendetwas mit Konservendosen mit Krabben ging, und zwar mehr als nur einmal. Ich meine, ich fand sie ganz toll, habe aber - warum auch immer - keine andere Folge jemals gesehen. Schade. Aber jetzt habe ich zumindestens durch diesen Film ein wenig zu der Geschichte gefunden. 

Technisch ist das Ganze selbstverständlich perfekt, keine Frage. Einer dieser Filme, die mich darüber jubeln lassen, dass ich vor knapp einem Jahr nicht zu geizig gewesen bin, einen Hunderter mehr für ein Laptop mit Blu-Ray-Laufwerk ausgegeben zu haben. Das Geheimnis der Einhorn ist oftmals pure Bildgewalt, es gibt dem Genre entsprechend detailreiche Städte westlicher wie nahöstlicher Bauart, unendlich scheinende Wüsten und Ozeane und gerne auch beeindruckende Flammeninfernos zu bewundern, stets mit Action, welche positiv formuliert supermegaübertriebengeil ist und negativ formuliert ein wenig die Story erstickt. Manch einmal habe ich mir gewünscht, über die Aufnahmefähigkeit eines Supercomputers zu verfügen und die entsprechenden Szenen in Ultrazeitlupe zu betrachten, um das Ausmaß des inszenierten Chaos halbwegs wahrnehmen zu können. Das ist alles herrlich überwältigend, aber für mich blieben bei der riesigen Show die Teilnehmer etwas zu fern, was die Nachwirkung leider schmälert. 

Ich fühlte mich ein wenig an Rango erinnert, muss ich zugeben: Beide Animationsfilme widmen sich mit viel Vergnügen einem im heutigen Kino eher vergessenem Genre (Western und Abenteuerfilm) und zelebrieren und übertreiben die typischen Motive und auch Klischees dieser mit viel Slapstick (den ich in beiden Fällen gut fand) und doch genug Ernsthaftigkeit (beide Filme sind für eine FSK 6 recht brutal), dass ich teils nur vor Vergnügen quietschen kann. Wenn Das Geheimnis der Einhorn auch nicht ganz die wilde Verwegenheit der Chamäleon-Westerngroteske erreichen kann, so reiht auch er sich in die Reihe der Filme ein, welche klassische Motive aus der Vergangenheit in eine hochmoderne Optik verpacken und zumindestens mir so einige herzhafte Lacher entlocken können (und ich lache eigentlich eher selten bei Filmen). 

Ein wenig fehlt es dem Film leider an Nachhall. Vielleicht ist das bei Tim und Struppi-Fans anders (wobei sich diese auch in zwei Lager zu spalten scheinen), aber so sehr ich auch eine angedeutete Fortsetzung sehen möchte, so wenig schwirrt der Film in meinem Kopf herum. Das ist etwas schade, aber als reines Erlebnis mit Nostalgiefaktor funktioniert das Werk prächtig, vor allem auch weil man den Machern ihre eigene Freude an dem Film ansieht, so grenzenlos übertrieben und fröhlich-bombastisch ist er in seinen besten Momenten. Zudem liefert Daniel Craig einen ganz tollen Job beim Vertonen des Bösewichtes ab und sorgt damit für den nötigen Schwarzstrich in dem überbunten Reigen. Tolle Unterhaltung mit wahnwitziger Action, die ich unbedingt mal bei einem Filmabend zeigen muss. 

7

Dienstag, 29. Mai 2012

Verblendung


The Girl with the Dragon Tattoo
USA 2011
Regie: David Fincher
Darsteller: Daniel Craig, Rooney Mara, Christopher Plummer, Stellan Skarsgård u.a.

Das größte Problem von Verblendung liegt - für mich, der weder die Buchvorlage noch die erste Verfilmung kennt - tatsächlich im großen Namen des Regisseurs. Nein, man braucht sich um dessen Inszenierungskunst (weiterhin) keine Sorgen machen: Wo aus dem Drehbuch physische und psychische Wucht herauszuholen ist, geschieht dies auch, und es gibt eine Szene, die in ihrer übelkeitserregenden Verzweiflung gar Richtung Noé zu schielen scheint. Fincher weiß, wie man den Zuschauermagen erreicht, und er lässt kaum eine Gelegenheit dazu aus, was Verblendung zu einem mitreißenden Krimithriller-Erlebnis macht, welches überraschend oft das brutale Versprechen des (grandiosen) Vorspanns erfüllt und dessen Einbindung in den Film berechtigt. 

Doch was man mit dem Namen Fincher letzten Endes doch nicht ganz vereinen kann, ist das Drehbuch. Es ist spannend, es ist gut konstruiert, es ist auch - wie bereits erwähnt - öfters wirklich heftig, aber im Endeffekt beinhaltet es zu viele Zugeständnisse an den Zuschauer - selbst wenn diese manch einmal brutaler ausfallen als manch eine "böse" Szene in anderen Filmen. Doch den emotionalen - oder intelektuellen - Schlag ins Gesicht sucht man hier vergebens und wer bei "Fincher" immer noch hauptsächlich an Sieben und Fight Club denkt, wird (mal wieder) nicht um eine mittelschwere Enttäuschung herumkommen. Das ist sicherlich Kritik auf einem hohen Niveau und definitiv keine Kritik am Regisseur für seine Arbeit (eher für seine Drehbuchwahl), aber es verhindert im Gesamtkontext ein besseres Urteil als "gut". Was natürlich nicht heißt, das von einer Sichtung abzuraten ist: Verblendung ist toll besetzt, durchgehend spannend und bietet eine interessante Story, welche zwar leider nicht so abgründig ist, wie sie gerne wäre (wie es schon in 1984 hieß: "Ich verstehe das Wie, aber nicht das Warum!"), aber bis zum Ende mitzureißen weiß. Wobei es für die letzte Szene wirklich etwas auf die Finger geben sollte. Ansonsten heißt es: Nicht mehr und nicht weniger als ein guter Film. Was weniger ist als das, was Fincher uns einst zu bieten vermochte, aber für einen geselligen Kinoabend auf jeden Fall mindestens ausreicht. 

7

Montag, 28. Mai 2012

Gozu


Gozu
Japan 2003
Regie: Takashi Miike
Darsteller: Hideki Sone, Sho Aikawa, Kimika Yoshino u.a.

Ein Werk, was zuweilen berauscht, zuweilen den Zuschauer aber auch ganz unsanft von sich stößt. Momente hypnotischer Alptraumhaftigkeit wechseln sich ab mit Momenten puren Unverständnisses für das Geschehen, doch die Hoffnung, das Ganze seie mehr als (Anti-)Kunst um der Kunst willen, will auch durch die perfidesten Abstrusitäten nicht sterben. Mit Recht: Nach einer Stolperodysse durch eine Realität gewordene Vorhölle, an dessen Unstetigkeit sich die Inszenierung teils auf quälende Weise ausrichtet, und der Teilnahme an einem schmerzvollen, gar infernalen physischen Showdown blicken Protagonist und Zuschauer etwas Wundervollem entgegen, was beglückt und entschädigt. 

Eine romantische Mysteryhorrorkomödie, die sich an jedes der Genres von hinten anschleicht und diese fröhlich vergewaltigt. Wer Miikes Art, Geschichten zu erzählen, akzeptieren kann, wird auch Gozu (der Titel verweist übrigens auf eine der feinsten Szenen des Films) akzeptieren müssen. Allen anderen bleibt dieser einzigartiger, hochverzwickter Zugang zu einem bekannten Thema wohl leider verwehrt. 

7

Drachenzähmen leicht gemacht


How to Train Your Dragon
USA 2012
Regie: Dean Deblois, Chris Sanders
Sprecher: Jay Baruchel, Gerard Butler, Christopher Mintz-Plasse, America Ferrara u.a.

Mehr als nur das von einem Animationsfilm erwartete Figurenbalett, funktioniert How to Train Your Dragon doch auch als Parabel auf den Sieg der Wissenschaft über der rohen Kraft: In dem anfangs vorgestellten Buch bleibt der Hauptkommentar zu den Drachentypen stets "KILL!", doch durch Beobachtung und Schlussfolgerung schafft es der Protagonist, die einstige Bedrohung zur helfenden Stütze zu transformieren. Dies ist eine wirklich sehr schöne Prämisse für ein eigentliches, wie soll man sagen, Actiondrama? und auch der Schluss weiß mit Konsequenz zu begeistern, die zudem eine weitere Nebenaussage produziert. Punktabzug, leider, weil das Treiben bis auf die Schlusspointe arg vorhersehbar bleibt und den Figuren nur ganz altbekannte Entwicklungen gönnt - und weil ich, scheinbar im Gegensatz zu den meisten anderen Menschen, von Drachen einfach nicht besonders begeistert bin (wer die Viecher über alles liebt, darf gerne einen Punkt draufpacken). Dafür ist die Action makellos und bietet mindestens einen mit Größe und Kraft überwältigenden Moment, welcher mit all seinen Drachenkräften nach einem möglichst großen Bildschrim schreit. Klassisch gehaltene und doch hintersinnige, technisch absolut gelungene Unterhaltung.

7