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Mittwoch, 9. April 2014

Man of Steel - Von Übermenschen und Überinszenierung



Man of Steel
USA 2013
Regie: Zack Snyder
Darsteller: Henry Cavill, Michael Shannon, Russel Crowe, Amy Adams, Kevin Costner, Diane Lane, Laurence Fishburne u.a.

Snyder und der Übermensch

300: Eine Schwarz-Weiß-Welt der Antike. Es gibt die perfektionierten Menschen (Suche nach körperlicher Vollendung, systematische Nachwuchsselektion) und es gibt die entstellten, pervertierten Nicht-mehr-Menschen (unter den Masken verbergen sich monströse Kreaturen; der - wiederum entstellte - Verräter - sein Verrat ist natürlich ein starkes Argument pro Vernichtung Missgebildeter - findet sich später an einem Ort der ausgelebten Sünde des Fleisches). Die Guten gegen die Bösen. Die große Tat besteht darin, sein Leben für sein Volk, sein Land, sein System zu geben - die noch größere Tat aber ist, jenes Opfer in der Erzählung fortzutragen. Übermensch, das ist, wenn der perfekte Mensch die anderen überragt.

Watchmen: Eine Grau-Grau-Welt der Moderne. Es gibt die Menschen, die in Hass und Angst (vor der völligen Auslöschung) leben, und die Menschen, die sich Kostüme überziehen, weil sie die Angst besiegen wollen (dem Hass entkommen sie nur selten). Die Guten für die Schwachen. Die große Tat besteht wieder in einem großen Opfer - aber nicht mehr im eigenen. Übermensch, das ist, wenn man seine Menschlichkeit für das Wohl (?) der Menscheit abgibt.

Sucker Punch: Eine Kunterbunt-Regenbogenwelt der Postmoderne. Es gibt die Menschen (Männer), die begehren, es gibt die Menschen (Frauen), die begehrt werden. Die Hungrigen für die Wahrheit durch die Lüge, die Ausgenutzten für ihre Freiheit durch ihre Gefangenschaft (in ihren Rollen). Die große Tat besteht darin, das System zu zerstören, indem man selbst zum System wird. Übermensch, das ist, wenn der Mensch jede Erwartung erfüllt und zugleich bricht.

...was Man of Steel in dieser Auflistung auch tut - er passt in sie und zugleich passt er nicht. Superman respektive Kal-El (nach Tarantino: Clark Kent ist Supermans Maske, nicht etwa umgekehrt!) ist der Ur-Superheld, der Ur-Übermensch der Popkultur - zugleich ist er aber eigentlich gar kein Mensch. Er ist ein Alien, ein Überbleibsel einer Kultur, die durch Ressourcenmissbrauch und Geburtenkontrollen - grüßen uns da etwa die Spartaner? - zugrunde gegangen ist; er ist aber schon in dieser ein Wunder, als erste natürliche Geburt seit [insert large time period]. Eine Hoffnung für seine Heimat, durch seine Zwangsemigration aber auch eine Hoffung für seine neue Heimat - könnte man meinen. Er ist ein Kind zweier Welten (genetisch kryptonisch, sozial irdisch) und dadurch ein doppeltes Überwesen: Den Menschen hat er seine "Superkräfte" voraus, den (letzten) Kryptoniern die Moral.

Und so ist seine Entwicklung die genaue Umkehr der Wege der Spartaner aus 300 und der Figuren aus Watchmen (Ozymandias und Dr. Manhattan). Jene verlieren ihre moralische Basis, während sie sich ihrer Perfektion nähern, Kal-El aber gewinnt diese, während er seine Über-Perfektion an die irdische und menschliche Umgebung anzupassen versucht. Nite Owl muss erst mehrere Knochen brechen, bis er seine Potenz wiedererlangt, Kal-El hingegen muss lernen, die andere Wange hinzuhalten statt zurückzuschlagen. Übermensch, das ist, wenn man den Schmerz lieber auf sich nimmt. Auch: Wenn man seine Vergangenheit für eine fremde Zukunft auslöscht. Ein Kind zweier Welten, das zwischen die beiden gedrängt wird, und eine Entscheidung fällen muss, die nur schmerzen kann (damit tatsächlich in der Tradition eines Nolan'schen Superhelden; ich persönlich sehe aber eben lieber jene, die eher mit ihren Entscheidungen statt mit ihren Feinden kämpfen).

Snyder und der Bewegungsrausch

Es ist zunächst überraschend, wie Snyder Man of Steel inszeniert. Der Mann, der die Verlangsamung von Actionszenen in den letzten Jahren auf die Spitze getrieben hat, der jedem Schlag, jedem Schuss und jedem Stich in 300, Watchmen, Sucker Punch eine gefühlte Ewigkeit widmet, präsentiert in diesem Werk ein gefühltes Chaos aus Stakattoschnitten, Wackelschwenks und Zooms. Der radikale Bruch ist aber sinnig, wenn man das Außerirdische in Kal-El aus der Erzählung auf die Bildebene überträgt. Seine Wahrnehmung dieser Welt ist nicht mit unserer vergleichbar, sein Raumgefühl ist unserem ähnlich fern wie Dr. Manhattans Zeitempfindung*. Der Mensch denkt in Entfernungen und Raumbegrenzungen, aber diese existieren für Kal-El nicht, da er räumliche Barierren durch seine Kräfte negiert. "The world's too big, Mom". sagt er, als er sich als Kind in einer Abstellkammer versteckt. "Then make it small.", antwortet sie ihm. Spätestens bei seinem ersten Flug hat er dies vollbracht - die gesamte Erde ist nur noch ein rasend schnell wechselnder Hintergrund für seine Bewegungen. Die Action, die der Zuschauer im Finale erlebt, ist somit den Grenzen der menschlichen Wahrnehmung enthoben, es ist die schnellste, heftigste Action, die je auf Film gebannt wurde - und das Beeindruckendste, was ein grundsätzlich absoluter Mainstreamblockbuster inszenatorisch jemals gewagt hat. Sie hat nicht mehr die Orientierung des Zuschauers zum Ziel, sondern ist vollständig an den Protagonisten angepasst. Selten wurde eine subjektive Wahrnehmung durch Bilder so grandios vermittelt - in diesem Genre wahrscheinlich noch nie.

Abseits der Immersion (oder der Erschwerung dieser?) ist die enthobene Inszenierung aber auch Indikator der Stärkenverhältnisse. Für Kryptonianer ist der Mensch auch mit seiner besten Technik praktisch so bedrohlich wie eine Ameise, eine Großstadt demzufolge auch so nichtig wie ein Ameisenhaufen aus unserer Sicht, die Terraformingmaschinen bestätigen diese Abstufung. Lebensraum zerstören, um Lebensraum zu schaffen: Das ist nichts Neues, läuft nur dieses Mal umgekehrt, und was uns ein Baum ist einem anderen ein Haus. Irgendwann schmeißen sich Kal-El und Zod gegenseitig durch Wolkenkratzer und dann ist die Action so schnell, dass die Großstadtkulisse zu einer scheinbar unbelebten Kulisse wird - es gibt den Guten, den Bösen und die Trümmer. Man könnte nun meinen (viele tun es anscheinend), dass der nun fehlende Blick auf den menschlichen Kollateralschaden jenen negiert. Tatsächlich wissen wir aber auch in diesem Moment noch, dass die Menschen unter den Trümmern nicht weg sind, weil wir sie zuvor noch um ihr Leben kämpfen gesehen haben - und auch zum Schluss des finalen Kampfes kehren sie ins Bild zurück, wenn Kal-El eine letzte Entscheidung fällen muss und als Zerstörer im Retter auf Knien endet. Dazwischen liegen die Bilder, in denen deutlich wird: Wer über anderen steht, sieht auch über andere hinweg, ob er will oder nicht.

Schade allerdings, dass die geniale Inszenierung und die interessante Grundgeschichte an ein eher schwaches Drehbuch gebunden sind. Goyers Dialoge sind Snyders Bildern selten würdig und über die Logik der einzelnen Handlungselemente mag ich mich gar nicht mehr unterhalten. So bleibt es beim formalen Meisterwerk und man könnte fast meinen, sich hier und da die Ohren zuhalten zu können, wäre da nicht Hans Zimmers einprägsam-epischer (ich mag das Wort mittlerweile nicht mehr, aber es passt) Soundtrack - wobei das für viele wohl nicht als Argument durchgehen wird. Aber was ein Glück, dass Filme im besten Falle vor allem filmisch erzählen - wenn Snyder das tut, lauschen zumindestens meine Augen gerne. 
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* Das Dr. Manhattan-Kapitel ist in der Verfilmung zwar grundsätzlich eindrucksvoll umgesetzt, verliert aber gegenüber der Comicvorlage dennoch deutlich in der Darstellung von Jons Wahrnehmung der Zeit; hier ist das Medium Comic dem Medium Film in der Perspektivendarstellung überlegen. "Man of Steel"s räumliche Abhebung ist jedoch stark an die Wahrnehmungsgeschwindigkeit gekoppelt, somit gelingt dem Film etwas rein *Filmisches*, etwas, was kein anderes Medium so darzustellen in der Lage wäre (behaupte ich mal ganz großspurig; man darf mir gerne Gegenbeispiele präsentieren).
- Hat sich im Heimkino sogar noch besser als im Kino angefühlt. Irgendwann habe ich bei jedem Schlag orgiastisch gezuckt, wenn man durch Filmgenuss geistig "kommen" kann, hatte ich mehr als nur einmal multiple Orgasmen. Ich danke meinen Nachbarn, dass sie sich nicht beschwert haben; vielleicht ist die Wohnung aber einfach nur gut isoliert? Auf jeden Fall kann ich die Blu-ray jedem ans Herz legen, der seiner Anlage etwas Großes gönnen möchte.
- Wenn Kal-El "I grew up in Kansas, General. I'm about as American as it gets." sagt, höre ich unweigerlich "God exists - and he's American."
- Beim Screenshotaussuchen merke ich, dass es in dem Film eine Unmenge an Close-Ups von Händen gibt (tatsächlich wirkt auch die Terraforming-Maschine ein wenig wie eine Greifhand). Manchmal findet sich Hoffnung in den Händen, manchmal nur noch ihr Staub. Interessant.
Weiterschauen: Als Gegenbeispiel für perfekte "geerdete" Action empfehle ich heute The Last Stand von Kim Jee-Woon; wer weitere Filme sehen möchte, dessen Bilder die gängige Wirkung überschreiten, kommt an Cuarons Gravity nicht vorbei (alle anderen eigentlich auch nicht); ansonsten lohnen sich Snyders Hauptwerke 300, Watchmen und Sucker Punch für den aufgeschlossenen Zuschauer eigentlich immer (Dawn of the Dead und die Guardians müsste ich selbst noch einmal sehen).

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Donnerstag, 27. Februar 2014

Die Brut


The Brood
Kanada 1979
Regie: David Cronenberg
Darsteller: Oliver Reed, Samantha Eggar, Art Hindle, Cindy Hinds u.a.

Das Kino des David Cronenberg kehrt mit großem Vergnügen das übertragend Innere zum buchstäblichen Außen - hier bekommt der Prozess sogar einen eigenen Namen, "Psychoplasmatik". Klingt seltsam, ist aber so, genauer: Ein Psycho(plasma)therapeut (massiv und flüssig zugleich: Oliver Reed) redet sich zur Problembeziehungsperson des Patienten und dieser darf endlich alles äußern, was geäußert werden muss. Dass dies nicht beim Verbalen bleiben kann, diktiert uns die Erfahrung mit dem Regisseur - inklusive einer feinen Reminiszenz an Roegs Wenn die Gondeln Trauer tragen (traue niemals einem roten Regenmantel!). Der Horror erwacht langsam, während ein Mann seine Tochter nicht an seine eingewiesene Frau (beängstigend: Samantha Eggar) verlieren will („I've said this ad nauseam, but The Brood was my version of Kramer Vs Kramer."), manifestiert sich in blutigen Ausbrüchen und findet in der finalen Szene zu einem schonungslos spannenden Höhepunkt, welcher perfekt ist, weil hier jedes Wort die brutale Wendung provozieren kann. Am Ende sind wir um eine Erfahrung reicher: Wenn wir unseren Hass rauslassen, ist er nicht verschwunden - er wird zu Fleisch und nimmt sich Fleisch. Barg der Blick in die Zukunft in Shivers noch eine verrückte Hoffnung in sich, bietet er hier nur noch das Grauen - welches entfremdet gezeigt worden mag, aber doch ganz alltäglich ist. 
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- Ich musste zugegeben kurz an Loriots "Pneumatische Plastologie" denken; hat mit dem Film aber natürlich nichts zu tun.
Weiterschauen: Possession (Zulawski)

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Samstag, 25. Januar 2014

Die Legende vom Meister der Rollbilder


Chikamatsu monogatari
Japan 1954
Regie: Kenji Mizoguchi
Darsteller: Kazuo Hasegawa, Kyôko Kagawa, Eitarô Shindô, Yôko Minamido u.a.

Eine Tragödie, wie man sie definiert. Ein reicher Mann, eine unterdrückte Frau, ein verschuldeter Bruder, ein fleißiger Bediensteter, eine verliebte Dienerin. Eine halbe Stunde und das soziale Gefüge scheitert an jedem noch so kleinen Bruch, Liebe, Wolllust, Loyalität, Eifersucht und Gier treiben die unglücklich Verheiratete und den unglücklich Verliebten aus der Gesellschaft und sie kommen dort an, wo sie nur in ihren eigenen Augen noch (oder jetzt erst?) Menschen sind. "Wäre sie doch besser gestorben", sagen dagegen die anderen: In dieser Welt ist man besser zerfallen als gefallen. Man glaubt es kaum, wie spannend dieser Film zuweilen ist, wenn er in der ersten halben Stunde ein unglaublich menschliches Untergangsszenario beschwört, aber Kenji Mizoguchi bleibt weiterhin ein Garant für Qualität und Überraschungen. Und während die Ausgestoßenen noch ineinander zu fliehen versuchen, werden sie von den Mächtigen dieser Welt bereits wieder als Mittel zum Zweck missbraucht - der Fall des einen ist auch immer der Aufstieg eines anderen. Irgendwann scheint es zu Ende, manche feiern bereits eine positive Bilanz einer verborgenen Gefühlsodyssee - doch die Liebe ist stark wie der Tod und die Wahrheit ist noch stärker. Gerechtigkeit mit Kollateralschaden, aber: Man habe sie ja noch nie so glücklich gesehen, sagt eine Frau aus der Menge, als die lange zuvor angekündigte Schlusszeremonie abläuft - und wir wissen, dass sie recht hat.

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- Einer von drei (!) Filmen von Mizoguchi, die 1954 erschienen sind (Sansho Dayu und Uwasa no onna kamen im selben Jahr raus) - Respekt für das Arbeitstempo.
- Apropos Arbeitstempo: Da muss ich direkt an Fassbinder denken - die beiden Regisseure verbindet auch eine große Hingabe an Frauenfiguren in Filmen (beides darf man heutzutage öfters vermissen).
- Es heißt, Mizoguchi hätte sich hier vergleichsweise wenig Mühe gegeben - hätte ich definitiv nicht bemerkt.
- Basiert auf einem Puppentheaterstück von Chikamatsu Monzaemon anno 1715 (der gute Mann gilt als der erste, der literarisch wertvolle Puppentheaterstücke in Japan verfasste). Weiterschauen: Alles weitere von Mizoguchi (ich empfehle sehr die LATE MIZOGUCHI-Box von Masters of Cinema; gibt's mittlerweile auch als Blu-ray-Ausgabe)


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Montag, 20. Januar 2014

Shivers


Shivers
Kanada 1975
Regie und Drehbuch: David Cronenberg
Darsteller: Fred Doederlin, Paul Hampton, Lynn Lowry, Barbara Steele u.a.

Wahrscheinlich das Sinnlichste, was jemals aus dem klassischen Infizierten-Thema geflochten wurde. David Cronenbergs Kinofilmdebüt beschränkt sich örtlich auf ein einziges Gebäude, in dem versucht wird, das Wesen des Menschen auf seinen sexuellen Trieb zu beschränken - oder auf diesen auszuweiten? Man kann hier fast schon den Ruf nach dem neuen Fleisch hören, man kann es sogar sehen, wie es versucht, aus dem eigenen Bauch auszubrechen (und damit den Body-Horror von Alien vorwegnimmt). Die Inszenierung kokettiert hier und da mit dem Trashigen, aber der grandiose Schnitt enttarnt sie, indem er die Horrorszenen zugunsten neuer Perspektiven unterbricht und somit nicht bloß durch die Epidemieausbreitung, sondern zugleich auch durch die Gesellschaft schneidet.

In der Zwischenzeit erscheinen zwei interessante Zitate im Hintergrund: "Sex is the invention of a clever venereal disease." sowie William Blakes "The path of excess leads to the palace of wisdom". Ob man eines davon als Leitspruch für den Film nimmt (oder gar beide zugleich?), bleibt dem Betrachter überlassen. Wir mögen die Figuren nur kurz begleitet haben, aber doch stets lang genug, um einen Ahnung von ihren Gefühlen, Beziehungen und Wünschen bekommen zu haben. Und weil sie sich anschließend nicht wortwörtlich, sondern sexuell verzehren, und im Finale das Bildnis einer Taufe erwecken, mag der Horror einer gewissen Ehrfurcht weichen: "Long live the new flesh!", das ist es doch irgendwie immer gewesen, im Guten wie im Schlechten. Das Ende ist so wahnsinnig wie logisch wie perfekt und verspricht vieles - heute wissen wir, dass es auch eingelöst worden ist.
 

"Roger, I had a very disturbing dream last night. In this dream I found myself making love to a strange man. Only I'm having trouble you see, because he's old... and dying... and he smells bad, and I find him repulsive. But then he tells me that everything is erotic, that everything is sexual. You know what I mean? He tells me that even old flesh is erotic flesh. That disease is the love of two alien kinds of creatures for each other. That even dying is an act of eroticism. That talking is sexual. That breathing is sexual. That even to physically exist is sexual. And I believe him, and we make love beautifully."

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- Cronenberg wollte dem Film ursprünglich den sehr direkten Titel Orgy of the Blood Parasites geben, die Produzenten konnten ihn aber doch von einem etwas mainstreamigeren Titel überzeugen.



Samstag, 20. Juli 2013

The Grandmaster


Yi dai zong shi
Hongkong 2013
Regie: Wong Kar-Wai
Darsteller: Tony Leung Chiu Wai, Ziyi Zhang, Chen Chang u.a.


Kampf ist Ästhetik. Ästhetik ist Stimmung. Stimmung ist Kino. Wong Kar-Wai tränkt den Kung-Fu-Film in seine gewohnte Melancholie und schafft damit ein Werk über den Kampf als Kultur, nicht als Vernichtungstechnik. Was nicht bedeuten soll, dass es keine Scherben gibt: Selten standen sich gebrochene Knochen und inszenatorische Sinnlichkeit so nahe. Aber das Ziel, so scheint es, liegt im Bewahren. Die kurzen Weisheiten zwischendurch definieren die Standpunkte, die stillen Augenblicke die Gefühle hinter den Figuren. Dass die Geschichte oftmals bruchstückartig verläuft, bedeutet nicht, wie manche annehmen mögen, dass die emotionale Ebene leidet - man muss sie nur schneller greifen. Die Zeitlupen mögen dem helfen. The Grandmaster verweigert sich zumeist einer klassischen Biographiestruktur, trägt vielmehr einzelne Stimmungen und Situationen zu einem Gesamterlebnis zusammen, welches man, wie bei Wong Kar-Wai zu erwarten wäre, mitfühlen sollte. (Die tollen Darsteller tun alles, um diesen Zugang zu erleichtern) Und das Auge isst bekanntlich mit, in diesem Falle gibt es für dieses einen wahren Festschmaus. Ein wenig erinnert die Inszenierung der Action (deren Schönheit man kaum mit dem Begriff beschmutzen möchte) in ihrer Zerstückelung in Einzelbewegungen fast an Snyders Man of Steel, was eine gewisse Ironie birgt - aber vielleicht habe ich da auch um die falsche Ecke gedacht (eher: wahrgenommen). 

Als Ip Man und Gong Er miteinander (nicht gegeneinander!) kämpfen, hält die Zeit einmal kurz an, wenn sie in einem Seitwärtssalto mit ihren Lippen ganz nah an den seinen vorbeischwebt. Man könnte meinen, die beiden lächeln, als sie sich in diesem Moment ansehen. Vielleicht tun sie es auch die ganze Zeit. Kampf kann auch Liebe bedeuten. Na wenn man das nicht von dem Regisseur erwartet hätte. 

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Dienstag, 25. Juni 2013

Arrietty - Die wundersame Welt der Borger


Kari-gurashi no Arietti
Japan 2010
Regie: Hiromasa Yonebayashi


Das Schönste an diesem Film - an vielen Ghibli-Werken - ist eigentlich die Art, wie diese leicht fremde Welt dargestellt wird. Jede Umgebung, jede Räumlichkeit ist mit einer Detailfülle gestaltet, wie man sie kaum in anderen Animationsfilmen wiederfindet. Die 3D-animierten Blockbuster von Pixar und Co. bieten sicherlich auch reichhaltige Bilderwelten mit zig Details, aber es ist die Art, wie mit diesen umgegangen wird, die zum Unterschied führt. Wo im Westen die visuell üppigste Kulisse sich der permanenten Reizüberforderung hingibt und sehr gerne als Kollateralschaden endet, ist in Arrietty (mal wieder) jedes kleine Teil der Welt eben - ein Teil dieser Welt. Von winzigem Geschirr über rostige Nägel und bis hin zu einzelnen Grashalmen können wir jedes Objekt anfassen, uns an jede Wand lehnen, spüren das Klirren der Tassen, den Hauch des Windes, als wäre diese Märchenwelt nicht gezeichnet, sondern real und wir mittendrin. Am Ende sitzt dieser Eindruck gar über der schönen und ruhigen Geschichte, über den witzigen sexuellen Anspielungen in der Natur, über dem Gefühl für das Märchenhafte, was wir zwischen den Diehlen vorfinden möchte. Es ist der Eindruck, tatsächlich dort gewesen zu sein, den man fast mehr auf der Haut als unter dieser spürt. Und das ist doch mit das Schönste, was ein Film einem geben kann.

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Freitag, 17. Mai 2013

Life in a Day


Life in a Day
USA 2011
Regie: Kevin Macdonald u.a.

Eigentlich DER Film der "Seht her, ich lebe auch! liken und kommentieren, please :)"-Generation.
Schaut her, der wacht gerade auf, voll ulkig und so.
Und auch beim Pinkeln bleibt die Kamera an.
Und wenn ich und mein Sohn der toten Mutter "Hallo" sagen (im Fischaugenobjektiv, damit die Wohnung noch beengter aussieht als sonst - MIKROkosmos, baby!).
Essen und dann auf die Arbeit und das in einer Egoperspektive zu Dingen, die du selbst jeden Tag siehst.
Ich zeige, dass ich glücklich bin, keine Angst davor haben zu müssen, dass meine Frau Krebs bekommt - weil sie ihn schon hat.
Und ich zeige, wie ich meiner Großmutter erzähle, dass ich Männer doch mehr mag als Frauen - ach Omi, "Homosexuelle" sagt doch kein Mensch mehr!
Und ich zeige, wie sich all meine Hoffnungen auf ein zweites Date in Nichts auflösen - aber hey, ich kann noch lächeln, also war und ist es doch nicht so schlimm.
Und ich dance auf der LoveParade, weil es! geil! ist! und meine Kamera läuft auch dann weiter, wenn alle laufen und keinen Platz dafür haben.
Und ich fahre mit dem Fahrrad durch die Welt, damit Korea irgendwann EIN Land ist.
Und währenddessen werden irgendwo Tiere geschlachtet und Familien leben mit neun Personen in fünf Quadratmetern und wenn sich dir der Magen umdreht - gut so, das gehört alles dazu!
Weil Film nicht nur Kunst, sondern auch Kommunikationsmittel ist.
Weil wir jedes Mal hoffen, dass etwas Besonderes passiert, und dann merken, dass alleine diese Hoffnung besonders genug ist, um uns durch die Tage zu tragen.
Weil wir wollen, dass jedes Fünkchen unseres Lebens von jemand anderem beachtet wird.
Weil wir glauben, dass diese Fünkchen es wert sind.
Und weil sie es tatsächlich sind. 


Man könnte sich dabei fast wie ein Voyer fühlen, aber hey: Das ist doch alles freiwillig.
Und so wunderbar echt.
Eigentlich DER Film für kleine sentimentale Schneuznasen wie mich.
Aber auch: uneingeschränkt empfehlenswert.
Weil wir leben. 


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Dienstag, 14. Mai 2013

Ich will doch nur, dass ihr mich liebt


Ich will doch nur, dass ihr mich liebt
Deutschland 1976
Regie: Rainer Werner Fassbinder
Darsteller: Vitus Zeplichal, Elke Aberle, Alexander Allerson, Erni Mangold, Johanna Hofer u.a.

Eingefangen auf zwei Seiten, visuell durch die Fassbinder-typischen Spiegelungen und trennende Schnitte in den einzelnen Einstellungen selbst, emotional durch eine dominante Mutter, deren Liebe unmöglich zu erkämpfen, und einen alles andere als besseren Vater, kämpft sich Peter (perfekt besetzt und vollends überzeugend: Vitus Zeplichal) aus einem glücklosen Leben in ein Leben, wo er wenigstens anderen Glück schenken kann. Natürlich erfolglos: Ein mit eigenen Händen erbautes Haus für seine Eltern bringt nicht die erhoffte Belohnung, und die Geschenke für seine Frau haben keine gute Beziehung zu seinem Budget. Ein Teufelskreis aus Komplexen, Sorgen und Überarbeitung wird langsam zu einer teuflischen Spirale, die in der Mitte ein grausames und doch nachvollziehbares Ende bereithält. 

Basierend auf einer wahren Geschichte (!) - inklusive originaler Verhörprotokolle (!) - malt Fassbinder einen brutalerweise zu empathischen 4:3-BRD-Fast-Mittelschicht-Albtraum (Drehzeit: 25 Tage!) in kaum halbmöblierten Räumen und verregneten und verweinten Straßen und "freut" sich dabei über die Parallelen zu seinem eigenen Leben - oft kritisiert, selten verstanden, aber: "Ich will doch nur, dass ihr mich liebt". Verzweifelt, fatalistisch und fatal - unbehagliches und (fast) zu Tränen rührendes Kino von Menschen über Menschen für Menschen.
Und nein, das kann man eben nicht über jeden Film sagen, damals nicht und heute schon gar nicht. 


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Jackie Brown


Jackie Brown
USA 1997
Regie: Quentin Tarantino
Darsteller: Pam Grier, Samuel L. Jackson, Robert Forster, Robert de Niro, Bridget Fonda, Michael Keaton, Chris Tucker u.a.

Tarantinos Vorliebe für lange Einstellungen und sein Riecher für eine perfekte Besetzung kreieren aus der verwobenen Krimistory lupenreines Darstellerkino, in welchem (fast) jeder Beteiligte die Möglichkeit(en) erhält, seiner Figur die nötigen Nuancen und den nötigen Charakter zu verleihen. Es wird - wie gewohnt - viel geredet und doch sagen die Gesichter manchmal und zum Schluss immer öfter mehr als die Worte - Emotionen sind hier nie Behauptung und nur in den seltensten Fällen Teil der Dialoge, sondern in der von der Kamera präzise eingefangenen Mimik vorzufinden (was auch das Ende, wenn Pam Grier ihre Lippen synchron zu "Across the 110th Street" bewegt, zu einem der Highlights des Films macht). Die in Echtzeit inszenierte, dreifach präsentierte Einkaufszentrum-Szene ist demnach logischerweise nicht nur ein Ergebnis des (im Voraus geschickterweise nie vollständig erklärten) Plans, sondern das Ende einer lange Beziehungs- und Reaktionskette, mit ihren eigenen kleinen und großen Eskalationen. Ein (zu Beginn etwas zu) gemächlich erzählter, weitesgehend subtiler, überraschend menschlicher und reifer Film zum Zurücklehnen und Genießen - und ein früher und scheinbar oft übersehener Beweis dafür, dass Tarantino auch die Kunst der filmischen Zurückhaltung zu beherrschen vermag. Mit maximaler Wirkung, selbstverständlich. 

P.S.: In den Credits taucht am Ende der "THANKS TO"-Reihe die Spalte "Sam Fuller - for EVERYTHING" auf, by the way. 

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Rango


Rango
USA 2011

Regie: Gore Verbinski
Sprecher (Original): Johnny Depp, Isla Fisher, Abigail Breslin, Ned Beatty, Alfred Molina, Bill Nighy u.a.

"Go to hell!" - "Where do you think I came from?"

Ein grandioser Anfang, eine ausgewogene Mischung aus wahnwitzigem, entfesseltem Slapstick, welcher dem Wort eine gewisse Würde (wieder-)verleiht, feinem Filmzitatwitz und großartigem schwarzen Humor, eine mit Ironie und doch auch mit Überzeugung präsentierte Geschichte und das alles unterlegt (oder doch überstichen?) mit Musik, die Spaß und Coolness stets in eine Symphonie der puren Filmfreude zu vermengen weiß (Grüße an Hans Zimmer). Rango mag mittendrin ein wenig hängen und auch der Showdown hätte zugegeben etwas wilder ausfallen können, aber darüber sehe ich so gerne hinweg, wurde ich doch seit gefühlten Monaten nicht mehr so gut unterhalten. Stellenweise pure awesomeness, die einem Freudestränen in die Augen treibt, doch überraschenderweise hin und wieder mit einem angenehmen Ernst, in einer wundervollen Geschichte quasi um einen Schauspieler, der in seiner verzweifelten Überlebensperformance plötzlich eine Über-Leben-Performance abliefert und dadurch zum Helden wird. Wäre er nicht so heftig, wär's ein toller Kinderfilm (da ist der höher eingestufte Die Legende der Wächter wesentlich zahmer), so ist es ein toller Film, um sich wieder ein wenig wie ein Kind zu fühlen, das eigentlich viel zu brutale Western schaut, und das ganz ohne befürchtete Lächerlichkeiten oder Fremdschämmomente oder aufgesetzte Emotionen. Verbinski hatte ja bereits mit dem unfassbar unterschätzten Pirates of the Caribbean: At World's End bewiesen, dass er dem Mainstreamkino einfach mal so Härte und Surrealismus andrehen kann, aber Rango, Rango ist eine Perle, ein Geschenk, ein wahrer Triumph. Und der Soundtrack erreicht beinahe Perfektion. 

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Dienstag, 5. März 2013

Universal Soldier: Day of Reckoning


Universal Soldier: Day of Reckoning
USA 2012
Regie: John Hyams
Darsteller: Scott Adkins, Jean-Claude Van Damme, Dolph Lundgren

Wie Mr. Wolf einst sagte: "Just because you're a character doesn't mean you have character." Eine Filmfigur bekommt selten einen Charakter. Was sie bekommt, was sie bekommen muss, ist eine Motivation. Motivation erlaubt Tat. Tat evoziert Wirkung. So weit, so simpel. Jeder beliebige reine Actionfilm könnte darauf reduziert werden. Aber Universal Soldier: Day of Reckoning, trotz Titel, trotz Besetzung, trotz Ausgangslage, ist anders. Was John Hyams hier macht ist, diese Motivation als Lüge zu entlarven. Dem Charakter einen Charakter zu geben, indem er ihm seinen Charakter nimmt. Das Leid des Protagonisten ist nur ein Instrument - im Film das der Politik, in der Wirklichkeit das der Produzenten und unserer Erwartungen. Was würde eine Filmfigur, die das erfährt, denken? Was würde sie machen? Und vor allem: Was würde das bringen?
Die Antwort ist vielleicht nicht sonderlich überraschend. Aber sie ist ehrlich - und Ehrlichkeit ist etwas, was Eskapismusfilme, Horrorfilme und - eben - Actionfilme - selten haben. Universal Soldier: Day of Reckoning macht sich keinen Hehl daraus, die aus seinem Titel resultierenden Vorurteile zu ignorieren und die Erwartungen zu missachten. Das ist das Werk einer kühnen Ambition, das nur zu dick aufgetragen erscheint, weil wir es viel dünner erwartet hatten. Inmitten mörderischer Klemptner, wahnsinniger Rebellen und ganz und gar noesker Ausleuchtung kämpft unser Protagonist, dessen Leben zerstört wurde, dagegen, dass ihm diese Zerstörung genommen wird. Denn so nichtig er geschaffen wurde, die Wahrheit macht ihn noch nichtiger. Die Eskalation in diesem Moment ist an emotionaler Kraft kaum zu überbieten, doch dass ihre Konsequenz - wieder einmal - nichtig ist, weiß auch Van Damme. Es gibt kein Ende, nur die Illusion einer Erlösung, für die es nie einen Grund gegeben hat. Was hat man diesen Wesen nur angetan. "Just because you're a character doesn't mean you have character." Man möchte fragen, wieso eigentlich. 


8

Dienstag, 27. November 2012

300


300
USA 2007
Regie: Zack Snyder
Darsteller: Gerard Butler, Rodrigo Santoro, David Wenham, Michael Fassbinder u.a.

Dieser Film ist eine Lüge. Diese Geschichte ist eine Lüge. Der Erzähler ist einer von ihnen, wir dürfen ihm nicht glauben. Wir dürfen niemandem glauben. Nicht unseren Augen und schon gar nicht unseren Ohren. Nicht den Parolen und nicht der Motivation. 300 ist manipulativ, aber so offen manipulativ, dass man darauf eigentlich nicht reinfallen kann (und schon gar nicht darf!). Das ist nicht mehr "Style > Content" - das ist ("SPARTA!"): "Style = Content". Wessen Feindbilder waren nochmal dunkelhäutig und/oder homosexuell? Wer verlangt Entmystifizierung und schafft permanent eigene Legenden? Snyders erstes Vorzeigewerk erscheint nach reichlich Über-Überlegung mehr wie ein Sitten- denn wie ein Schlachtenbild, wie eine Karikatur, die dem Zuschauer vorgaukelt, sie seie ernstzunehmen. Aber man kann das alles nicht ernst nehmen. Man kann die Lügen nicht übersehen. Die Erzählung ist ebenso künstlich wie ihre Bilder. Der Aberglaube ist besiegt, es lebe der Aberglaube. Denn so entsteht Geschichte, Tag für Tag. Heute vielleicht extremer als damals. Vielleicht kommt der Film zu einer perfekten Zeit. Vielleicht ist er kontroverser als für jemals erachtet worden. Nur vielleicht - aber nicht unmöglich. Denn unerwartet viele Filme sind schlauer als ihre Zuschauer. Schließen möchte ich mit einer Paraphrase aus Snyders endgültigem Triumph: You have all the information you need. Now think!

8

Freitag, 24. August 2012

Lola


Lola
Deutschland 1981
Regie: Rainer Werner Fassbinder
Darsteller: Barbara Sukowa, Armin Mueller-Stahl, Mario Adorf, Matthias Fuchs u.a.

Auch abseits seiner politischen Komponente, welche hier in eine Fassade aus grellsten Farben eingehüllt und mit stets zugrunde liegender Häme präsentiert, ist Lola bereits als reine Filmerfahrung eine Feier, ein Fest für alle Sinne, wie man es von Fassbinder eigentlich kaum mit dieser - vermeintlichen!, selbstverständlich - Leichtigkeit kaum erwartet hat. Man fühlt sich ein wenig an den verwegenen Blick dieses großartigen Mannes am Schluss von seinem ersten Kurzfilm (Das kleine Chaos) erinnert, wenn er auf die Frage, was er denn mit dem gestohlenen Geld anfangen möchte, grinsend antwortet: Ich? Ich werde ins Kino gehen. Lola ist Kino, in erster Linie ein Werk der herrlichen Übertreibung, mit strahlenden Farben, markanten Figuren und messerscharfen Dialogen. All das ist ein Genuss und Fassbinders Kritik an und Satire auf das Wirtschaftswunder kommt nicht als Faustschlag, sondern vielmehr als sarkastisches Geflüster zwischen der Schönheit der Bilder und Zeilen. Die Tragödie wird nicht präsentiert, sie wird übermalt, die Verwegenheit des Geschehens beinahe verherrlicht, der Humor ist allgegenwärtig, doch er lacht selten über, er lacht zumeist mit. Lola erzählt von bereits Geschehenem und deswegen ist der Film nicht erfüllt von Wut wie beispielsweise Die dritte Generation, eine weitere überspitzte Satire aus Fassbinders Feder, vielmehr ein kicherndes Kopfschütteln für die einen und ein mildes Lächeln für die anderen Beteiligten. Das alles mit herausragenden Darstellern - Barbara Sukowas (Seelen)Striptease bei "Capri Fischer" als Eskalation und Selbsterkenntnis zugleich, Mario Adorfs schmierig-freundliche Art als ewiger hämischer Sieg, Armin Mueller-Stahls Ambition und Konsequenz als Kampf gegen Windmühlen - und am Ende sind alle glücklich, auch wenn manche das nur sagen. Ganz, ganz große und bunte Unterhaltung mit dem nötigen fiesen Hintersinn. 

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The Social Network


The Social Network
USA 2010
Regie: David Fincher
Darsteller: Jesse Eisenberg, Andrew Garfield, Justin Timberlake u.a.

Arroganz führt zum Schluss führt zu Hass führt zu Rache. Menschen mit Menschenbewertungsdrang, kriegen eine Plattform, freuen sich. Der erste Schritt ist getan, das erste Ziel: Freier Zugriff auf Gesichter. Wir könnten natürlich auch Pornos schauen, aber hey: Diese Gesichter sind uns ja bekannt, wir sehen sie täglich, hier sind sie, jederzeit abrufbar, bewertbar. Menschen auf ein Foto reduziert, doch die Zukunft naht: Reduziere dich selbst auf das, was dir am wichtigsten. Weiter: Rache, große Rache schafft Bekanntheit, Bekanntheit schafft Kontakte, Kontakte schaffen Möglichkeiten. Diebstahl der Zukunftsbringer, klassisch - früher: Technik, Gerät, Maschine, nun: Konzept, Vision, Idee. Ewige Gespräche, später, wer, was und wo gesagt, gefragt, vorgeschlagen. Vernichtung nicht durch Waffen, sondern durch PR. Design ist keine Frage des Geschmacks, Coolness ist keine Frage des Geschmacks. Die Zahnräder drehen sich, die Zukunft deutet sich an. Digitaler Steckbrief, Steigerung der Informationsgeschwindigkeit, keine unnötigen Fragen, alles auf einen Blick. Nicht der gläserne Mensch - der sich entblößende Mensch. Geld größer Freundschaft (wie immer), dafür neuer Begriff: Digitale Freundschaft. Das Collegeleben für alle, im Internet. Kleinste Fragen prägen unsere Kommunikation, kleinste Vorschläge unsere täglichen Beschäftigungen. Das ist die Zukunft und sie beginnt vorgestern und wir sind ein Teil von ihr. Meine Chronik ist mein Tagebuch. Meine Vergangenheit in alle Ewigkeit. Jede Vergangenheit vor meinen Augen. Im Anfang cool, zum Schluss mehr als cool: Unersetzlich. Das ist die Zukunft, die aus Rache geboren. Das ist das Paralleluniversum von jenen, welche in ihrem eigenen die Wände nicht akzeptierten. Am Ende braucht es kaum Worte, ein paar Klicks und immer wieder
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Mittwoch, 15. August 2012

Forbidden Zone (Totaler Sperrbezirk)


Forbidden Zone
USA 1982
Regie: Richard Elfman
Darsteller: Hervé Villechaize, Susan Tyrell, Gisele Lindley, Marie-Pascale Elfman, Danny Elfman u.a

Das habe ich bislang noch nicht erlebt, dass der ganze Kinosaal nach dem Film applaudiert hat. Zugegeben, es waren vielleicht ein Dutzend Leute und ohnehin nur jene, die sich von solcher Ausprägung des Begriffs "Filmkunst" wirklich begeistern lassen können, aber dennoch, der Film hatte es verdient. Der Film: Ein Ultra-Low-Budget-Fantasy-Gaga-Trash-Musical mit der Musik von Danny Elfman (genau der, ihr elenden Burtoniasten!), inszeniert von seinem Bruder Richard Elfman, mit wundervollen 80's-Animationen zwischendurch, einer herrlich bescheuerten Story, zahlreichen handgemachten Pappkulissen und einer von verwegener Freude am Wahnsinn regierten Stimmung, für die mir nur ein gutes beschreibendes Wort einfällt: HILARIOUS!

Die Geschichte mutet an wie eine Mischung aus Rocky Horror Pisture Show und Alice im Wunderland: Die Familie Hercules (die Tochter mit überfranzösischem Akzent und passenderweise "Frenchy" genannt, der Opa mit Doppelrasputinbart und am besten angebunden zu halten, der Sohn deutlich älter als die Eltern und mit Propellerkappe - mit der er tatsächlich fliegen kann!) zieht in ein zuvor von einem Drogendealer bewohntes Haus, in dessen Keller sich der Zugang zur "Sixth Dimension" AKA "Forbidden Zone" befindet. Das Töchterchen ist natürlich neugierig, geht runter, rutscht auf einer Bananenschale aus und landet im Königreich von King Fausto, einem Zwerg mit großen Gelüsten nach der Neuen. Das findet Queen Doris gar nicht gut und versucht, Frenchy loszuwerden. Ihre Familie sowie ihr Freund Squeezit (der sich, wieso auch immer, wie ein Huhn benimmt) eilen zur Rettung und sorgen für ordentlich Chaos.

Aufgeschrieben sieht das alles noch zu normal aus. Zwischendurch wird in der Schule noch das Alphabet auf die herrlichste Art gesungen, wie man ein Alphabet nur singen könnte, König und Königin speisen unter einem lebendigen Kerzenhalter und der treuste Diener der Königin ist ein Froschmensch. Forbidden Zone braucht auch gar nicht als Parabel oder Satire oder sonstwas halbwegs Intelligentes betrachtet zu werden, mehr als ein durchgeknalltes Selfmade-Musical steckt da höchstwahrscheinlich nicht drin. Aber: Es ist das verdammtnochmal durchgeknallteste Selfmade-Musical ever (zumindestens eines der, mein Musicalwissen ist nun nicht das beste)! Die grandiosen Kulissen, die tollen und verdammt gutgelaunten Darsteller (Danny Elfman hat einen wunderbaren Auftritt als Satan höchstpersönlich!) und diese Musik...ein Film zum Durchfeiern, ein Triumph des von allen Konventionen befreiten Musikbilderwahnsinnrausches, unglaublich witzig, unglaublich unterhaltsam und auf sympathischste Weise bescheuert. ABSOLUTELY HILARIOUS AND HIGHLY RECOMMENDED!

Gedreht wurde das Ganze damals noch in schwarz-weiß, mittlerweile gibt es aber auch eine nachkolorierte Fassung - ich behaupte mal, in Farbe flasht der Film etwas mehr. Die nachfolgenden Videos sind leider noch die s/w-Fassungen, aber immer noch ein Vergnügen.





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Sonntag, 3. Juni 2012

Charade


Charade
USA 1963
Regie: Stanley Donen
Darsteller: Audrey Hepburn, Cary Grant, Walter Mattau, James Coburn, George Kennedy u.a.

Die junge Reggie (bezaubernd: Audrey Hepburn) will sich von ihrem Ehemann Charles scheiden lassen, aber das Schicksal erspart ihr den Papierkram und lässt diesen im Pyjama aus dem Zug werfen. Der schon zu Lebzeiten arg rätselhafte Charles gibt damit aber allen seinen Freunden und (vorwiegend) Feinden ein Rätsel auf: Wo sind die 250.000 Dollar, die er der amerikanischen Regierung noch im Zweiten Weltkrieg gestohlen hat? Die Interessenten: Natürlich die verwirrte Reggie ("If you meant to frighten me...you did your job very well!"), an ihrer Seite der galante Peter Joshua (Cary Grant, der ewig Geschiedene), CSI-Spion - pardon! - Agent Walter Bartholomew (köstlich: Walter Mattau), als Feinde Leopold (der dauerniesende Ned Glass), der letzte Westernschurke Tex (James Coburn - so gemein, dass er die arme Audrey mit Streichhölzern bewirft) und natürlich Scobie (George Kennedy), der Mann mit der wahrhaftigen Todeskralle. Verwirrt in der Ecke: Inspektor Edouard Grandpierre (Jacques Marin): "A man drowned in his own bed?!"

Als die illustren Figuren aneinandergeraten, wird es mal unheimlich komisch (das Orangenspiel! Die Beerdigung!), mal (unangenehm) überraschend, mal ungehemmt romantisch: "You know what's wrong with you?" - "What?" - "...Nothing!" - auf jeden Fall zu keinem Zeitpunkt langweilig, voller kleiner Nuancen (wie das Puppentheaterstück) und großer Wendungen und mit einem spannenden Finale - gefolgt von einer wundervollen Schlussszene. Eine Perle eines scheinbar vergessenen Genres, mit so viel Schwung und so viel Charme, dass es eine reine Freude ist, durchgehend und mit jeder weiteren Sichtung aufs Neue, Rätselkino, Darstellerkino und Komödie zugleich und alles auf höchstem Niveau. Ich bin begeistert. 

"We use the guillotine in this country. I have always imagined that the blade, coming down, causes no more than a slight tickling sensation on the back of the neck. It is only a guess, of course. I hope none of you ever finds out for certain."

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Montag, 28. Mai 2012

The Element of Crime


The Element of Crime
Dänemark 1984
Regie: Lars von Trier
Darsteller: Michael Elphik, Esmond Knight, Me Me Lai, Ahmed El Shenawi

Von Triers Erstling ist umgekehrter Eskapismus: Physisch zwar (mehrfach) aus der Hölle entkommen, doch den Geist zieht es zurück an den Ort, wo er an seine Grenzen kam und sich selbst verloren ging. 

Nicht Noir, nicht einmal Neo-Noir, sondern kalblütigster, konsequentester Post-Noir in theoretisch warmen und praktisch zermürbenden Farben und einer angsterfüllten, melancholischen, fatalistischen und apokalyptischen Stimmung. 

Die Suche nach dem Täter nicht aus dem Wunsch nach Gerechtigkeit, sondern wegen der Faszination - und die Gemälde von Einstellungen unterstützen diese, wo sie nur können - und dem Wunsch, das grausame Handeln zu verstehen, das Element of Crime in sich aufzunehmen und/oder auszubrüten.
Und nicht einmal das Wissen daran, dass alles Erinnerung und Hypnose ("hypnotisch" trifft das Ganze auch unheimlich gut) und längst vorbei, kann der Intensität und der Spannung (trotz Vorahnung!) etwas anhaben - Hölle bleibt Hölle, selbst wenn sie nur im Kopf ist. 

"Here comes a candle to light you to bed. And here comes a chopper to chop off your head." 
 
Glaubst du wirklich, dass es hier einen Ausgang gibt?
Einen Fluchtweg vor der Angst, der Paranoia und dem Todesurteil eines ganzen Kontinentes, wo Leichen nicht Wuterzeuger, sondern Kunstwerke und Touristenattraktionen sind?
In dieser Welt, wage ich zu befürchten, nützt Glaube und Hoffnung nicht mehr viel. 

Denn wenn der Abgrund es wagt, uns zu lange anzustarren, dann starren wir zurück.
Dass er erschaudert. 

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