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Dienstag, 22. April 2014

Die Prinzessin Yang Kwei-fei


Yôkihi
Japan 1955
Regie: Kenji Mizoguchi
Darsteller: Machiko Kyô, Masayuki Mori, Sô Yamamura u.a.

Seit seine Frau verstorben ist, fristet der Imperator Hüan-tsung ein Leben zwischen tiefer Trauer und ihm völlig egal gewordener politischer Anliegen. Sich nicht einflussreich genug vorkommende Familien sehen darin ihre Chance, endlich sozial und machttechnisch aufzusteigen und bemühen sich hochmotiviert darum, dem Herrscher eine neue Angebetene aus den eigenen Reihen schmackhaft zu machen (Sex und Politiik korrelieren gerne), allerdings ohne den gewünschten Erfolg. Bis ein gerissener General im Haus der Familie Yang eine bildhübsche und der Verstorbenen außergewöhnlich ähnliche Küchendienerin entdeckt, die trotz ihres Widerwillens (lieber Küchensklavin als Harembewohnerin) hergerichtet und präsentiert wird. Auch sie fällt in den Augen des Imperators nicht auf, wohl aber in seinen Ohren, als sie eine von ihm vorgetragene Melodie vorspielt und die Seelenverwandschaft bestätigt, die er zu finden nicht mehr gehofft hat. Doch das Glück währt nicht lange, als ihre Mitgift in Form einer gierigen Familie den Zorn der Bevölkerung auf sich und letzlich auch auf sie richtet - das Glück des Herrschers ist nicht selten das Leid seiner Untertanen.

Mizoguchis erster und letzter Farbfilm ist nicht gerade sein bester (in meinen Augen der schwächste, den ich von ihm bislang gesehen habe): Was die Geschichte inhaltlich trägt, ist in wenigen Szenen umrissen, und so wirkt das Ganze etwas zähflüssig und gezogen, selbst für die kurze Laufzeit von eineinhalb Stunden. Dabei ist der Film nie uninteressant; wie seine Figuren durch fremden Zwang zueinander finden und plötzlich abseits aller Machtpolitik in einander ihr Glück finden, ist ein berührend menschlicher Ausbruch aus den gesellschaftlichen Systemen. Dass diese zurückschlagen, erwartet man, und so ganz will einen der Ausgang leider auch nicht treffen - zumindestens zunächst nicht. Die finale Szene mag zwar nicht die symbolische Wucht von Mizoguchis früheren Werken in sich tragen, an Gefühl fehlt es ihr aber in keinster Weise - viel berührender könnte die Erzählung nicht ausklingen.
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- Mizoguchis vorletztes Werk - es folgte nur noch "Die Straße der Schande", dann waren das Leben und die Filmographie (die beinahe 100 Filme fasste) des großen japanischen Regisseurs zu Ende.
- Basiert auf einer alten chinesischen Legende, die es auch als japanische Variation mit glücklicherem Ende gibt - Mizoguchi entschied sich (natürlich) für die konsequentere Fassung. 
Weiterschauen: Die Legende vom Meister der Rollbilder (und alles weitere von Mizoguchi)

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Mittwoch, 9. April 2014

Man of Steel - Von Übermenschen und Überinszenierung



Man of Steel
USA 2013
Regie: Zack Snyder
Darsteller: Henry Cavill, Michael Shannon, Russel Crowe, Amy Adams, Kevin Costner, Diane Lane, Laurence Fishburne u.a.

Snyder und der Übermensch

300: Eine Schwarz-Weiß-Welt der Antike. Es gibt die perfektionierten Menschen (Suche nach körperlicher Vollendung, systematische Nachwuchsselektion) und es gibt die entstellten, pervertierten Nicht-mehr-Menschen (unter den Masken verbergen sich monströse Kreaturen; der - wiederum entstellte - Verräter - sein Verrat ist natürlich ein starkes Argument pro Vernichtung Missgebildeter - findet sich später an einem Ort der ausgelebten Sünde des Fleisches). Die Guten gegen die Bösen. Die große Tat besteht darin, sein Leben für sein Volk, sein Land, sein System zu geben - die noch größere Tat aber ist, jenes Opfer in der Erzählung fortzutragen. Übermensch, das ist, wenn der perfekte Mensch die anderen überragt.

Watchmen: Eine Grau-Grau-Welt der Moderne. Es gibt die Menschen, die in Hass und Angst (vor der völligen Auslöschung) leben, und die Menschen, die sich Kostüme überziehen, weil sie die Angst besiegen wollen (dem Hass entkommen sie nur selten). Die Guten für die Schwachen. Die große Tat besteht wieder in einem großen Opfer - aber nicht mehr im eigenen. Übermensch, das ist, wenn man seine Menschlichkeit für das Wohl (?) der Menscheit abgibt.

Sucker Punch: Eine Kunterbunt-Regenbogenwelt der Postmoderne. Es gibt die Menschen (Männer), die begehren, es gibt die Menschen (Frauen), die begehrt werden. Die Hungrigen für die Wahrheit durch die Lüge, die Ausgenutzten für ihre Freiheit durch ihre Gefangenschaft (in ihren Rollen). Die große Tat besteht darin, das System zu zerstören, indem man selbst zum System wird. Übermensch, das ist, wenn der Mensch jede Erwartung erfüllt und zugleich bricht.

...was Man of Steel in dieser Auflistung auch tut - er passt in sie und zugleich passt er nicht. Superman respektive Kal-El (nach Tarantino: Clark Kent ist Supermans Maske, nicht etwa umgekehrt!) ist der Ur-Superheld, der Ur-Übermensch der Popkultur - zugleich ist er aber eigentlich gar kein Mensch. Er ist ein Alien, ein Überbleibsel einer Kultur, die durch Ressourcenmissbrauch und Geburtenkontrollen - grüßen uns da etwa die Spartaner? - zugrunde gegangen ist; er ist aber schon in dieser ein Wunder, als erste natürliche Geburt seit [insert large time period]. Eine Hoffnung für seine Heimat, durch seine Zwangsemigration aber auch eine Hoffung für seine neue Heimat - könnte man meinen. Er ist ein Kind zweier Welten (genetisch kryptonisch, sozial irdisch) und dadurch ein doppeltes Überwesen: Den Menschen hat er seine "Superkräfte" voraus, den (letzten) Kryptoniern die Moral.

Und so ist seine Entwicklung die genaue Umkehr der Wege der Spartaner aus 300 und der Figuren aus Watchmen (Ozymandias und Dr. Manhattan). Jene verlieren ihre moralische Basis, während sie sich ihrer Perfektion nähern, Kal-El aber gewinnt diese, während er seine Über-Perfektion an die irdische und menschliche Umgebung anzupassen versucht. Nite Owl muss erst mehrere Knochen brechen, bis er seine Potenz wiedererlangt, Kal-El hingegen muss lernen, die andere Wange hinzuhalten statt zurückzuschlagen. Übermensch, das ist, wenn man den Schmerz lieber auf sich nimmt. Auch: Wenn man seine Vergangenheit für eine fremde Zukunft auslöscht. Ein Kind zweier Welten, das zwischen die beiden gedrängt wird, und eine Entscheidung fällen muss, die nur schmerzen kann (damit tatsächlich in der Tradition eines Nolan'schen Superhelden; ich persönlich sehe aber eben lieber jene, die eher mit ihren Entscheidungen statt mit ihren Feinden kämpfen).

Snyder und der Bewegungsrausch

Es ist zunächst überraschend, wie Snyder Man of Steel inszeniert. Der Mann, der die Verlangsamung von Actionszenen in den letzten Jahren auf die Spitze getrieben hat, der jedem Schlag, jedem Schuss und jedem Stich in 300, Watchmen, Sucker Punch eine gefühlte Ewigkeit widmet, präsentiert in diesem Werk ein gefühltes Chaos aus Stakattoschnitten, Wackelschwenks und Zooms. Der radikale Bruch ist aber sinnig, wenn man das Außerirdische in Kal-El aus der Erzählung auf die Bildebene überträgt. Seine Wahrnehmung dieser Welt ist nicht mit unserer vergleichbar, sein Raumgefühl ist unserem ähnlich fern wie Dr. Manhattans Zeitempfindung*. Der Mensch denkt in Entfernungen und Raumbegrenzungen, aber diese existieren für Kal-El nicht, da er räumliche Barierren durch seine Kräfte negiert. "The world's too big, Mom". sagt er, als er sich als Kind in einer Abstellkammer versteckt. "Then make it small.", antwortet sie ihm. Spätestens bei seinem ersten Flug hat er dies vollbracht - die gesamte Erde ist nur noch ein rasend schnell wechselnder Hintergrund für seine Bewegungen. Die Action, die der Zuschauer im Finale erlebt, ist somit den Grenzen der menschlichen Wahrnehmung enthoben, es ist die schnellste, heftigste Action, die je auf Film gebannt wurde - und das Beeindruckendste, was ein grundsätzlich absoluter Mainstreamblockbuster inszenatorisch jemals gewagt hat. Sie hat nicht mehr die Orientierung des Zuschauers zum Ziel, sondern ist vollständig an den Protagonisten angepasst. Selten wurde eine subjektive Wahrnehmung durch Bilder so grandios vermittelt - in diesem Genre wahrscheinlich noch nie.

Abseits der Immersion (oder der Erschwerung dieser?) ist die enthobene Inszenierung aber auch Indikator der Stärkenverhältnisse. Für Kryptonianer ist der Mensch auch mit seiner besten Technik praktisch so bedrohlich wie eine Ameise, eine Großstadt demzufolge auch so nichtig wie ein Ameisenhaufen aus unserer Sicht, die Terraformingmaschinen bestätigen diese Abstufung. Lebensraum zerstören, um Lebensraum zu schaffen: Das ist nichts Neues, läuft nur dieses Mal umgekehrt, und was uns ein Baum ist einem anderen ein Haus. Irgendwann schmeißen sich Kal-El und Zod gegenseitig durch Wolkenkratzer und dann ist die Action so schnell, dass die Großstadtkulisse zu einer scheinbar unbelebten Kulisse wird - es gibt den Guten, den Bösen und die Trümmer. Man könnte nun meinen (viele tun es anscheinend), dass der nun fehlende Blick auf den menschlichen Kollateralschaden jenen negiert. Tatsächlich wissen wir aber auch in diesem Moment noch, dass die Menschen unter den Trümmern nicht weg sind, weil wir sie zuvor noch um ihr Leben kämpfen gesehen haben - und auch zum Schluss des finalen Kampfes kehren sie ins Bild zurück, wenn Kal-El eine letzte Entscheidung fällen muss und als Zerstörer im Retter auf Knien endet. Dazwischen liegen die Bilder, in denen deutlich wird: Wer über anderen steht, sieht auch über andere hinweg, ob er will oder nicht.

Schade allerdings, dass die geniale Inszenierung und die interessante Grundgeschichte an ein eher schwaches Drehbuch gebunden sind. Goyers Dialoge sind Snyders Bildern selten würdig und über die Logik der einzelnen Handlungselemente mag ich mich gar nicht mehr unterhalten. So bleibt es beim formalen Meisterwerk und man könnte fast meinen, sich hier und da die Ohren zuhalten zu können, wäre da nicht Hans Zimmers einprägsam-epischer (ich mag das Wort mittlerweile nicht mehr, aber es passt) Soundtrack - wobei das für viele wohl nicht als Argument durchgehen wird. Aber was ein Glück, dass Filme im besten Falle vor allem filmisch erzählen - wenn Snyder das tut, lauschen zumindestens meine Augen gerne. 
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* Das Dr. Manhattan-Kapitel ist in der Verfilmung zwar grundsätzlich eindrucksvoll umgesetzt, verliert aber gegenüber der Comicvorlage dennoch deutlich in der Darstellung von Jons Wahrnehmung der Zeit; hier ist das Medium Comic dem Medium Film in der Perspektivendarstellung überlegen. "Man of Steel"s räumliche Abhebung ist jedoch stark an die Wahrnehmungsgeschwindigkeit gekoppelt, somit gelingt dem Film etwas rein *Filmisches*, etwas, was kein anderes Medium so darzustellen in der Lage wäre (behaupte ich mal ganz großspurig; man darf mir gerne Gegenbeispiele präsentieren).
- Hat sich im Heimkino sogar noch besser als im Kino angefühlt. Irgendwann habe ich bei jedem Schlag orgiastisch gezuckt, wenn man durch Filmgenuss geistig "kommen" kann, hatte ich mehr als nur einmal multiple Orgasmen. Ich danke meinen Nachbarn, dass sie sich nicht beschwert haben; vielleicht ist die Wohnung aber einfach nur gut isoliert? Auf jeden Fall kann ich die Blu-ray jedem ans Herz legen, der seiner Anlage etwas Großes gönnen möchte.
- Wenn Kal-El "I grew up in Kansas, General. I'm about as American as it gets." sagt, höre ich unweigerlich "God exists - and he's American."
- Beim Screenshotaussuchen merke ich, dass es in dem Film eine Unmenge an Close-Ups von Händen gibt (tatsächlich wirkt auch die Terraforming-Maschine ein wenig wie eine Greifhand). Manchmal findet sich Hoffnung in den Händen, manchmal nur noch ihr Staub. Interessant.
Weiterschauen: Als Gegenbeispiel für perfekte "geerdete" Action empfehle ich heute The Last Stand von Kim Jee-Woon; wer weitere Filme sehen möchte, dessen Bilder die gängige Wirkung überschreiten, kommt an Cuarons Gravity nicht vorbei (alle anderen eigentlich auch nicht); ansonsten lohnen sich Snyders Hauptwerke 300, Watchmen und Sucker Punch für den aufgeschlossenen Zuschauer eigentlich immer (Dawn of the Dead und die Guardians müsste ich selbst noch einmal sehen).

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Donnerstag, 27. Februar 2014

Die Brut


The Brood
Kanada 1979
Regie: David Cronenberg
Darsteller: Oliver Reed, Samantha Eggar, Art Hindle, Cindy Hinds u.a.

Das Kino des David Cronenberg kehrt mit großem Vergnügen das übertragend Innere zum buchstäblichen Außen - hier bekommt der Prozess sogar einen eigenen Namen, "Psychoplasmatik". Klingt seltsam, ist aber so, genauer: Ein Psycho(plasma)therapeut (massiv und flüssig zugleich: Oliver Reed) redet sich zur Problembeziehungsperson des Patienten und dieser darf endlich alles äußern, was geäußert werden muss. Dass dies nicht beim Verbalen bleiben kann, diktiert uns die Erfahrung mit dem Regisseur - inklusive einer feinen Reminiszenz an Roegs Wenn die Gondeln Trauer tragen (traue niemals einem roten Regenmantel!). Der Horror erwacht langsam, während ein Mann seine Tochter nicht an seine eingewiesene Frau (beängstigend: Samantha Eggar) verlieren will („I've said this ad nauseam, but The Brood was my version of Kramer Vs Kramer."), manifestiert sich in blutigen Ausbrüchen und findet in der finalen Szene zu einem schonungslos spannenden Höhepunkt, welcher perfekt ist, weil hier jedes Wort die brutale Wendung provozieren kann. Am Ende sind wir um eine Erfahrung reicher: Wenn wir unseren Hass rauslassen, ist er nicht verschwunden - er wird zu Fleisch und nimmt sich Fleisch. Barg der Blick in die Zukunft in Shivers noch eine verrückte Hoffnung in sich, bietet er hier nur noch das Grauen - welches entfremdet gezeigt worden mag, aber doch ganz alltäglich ist. 
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- Ich musste zugegeben kurz an Loriots "Pneumatische Plastologie" denken; hat mit dem Film aber natürlich nichts zu tun.
Weiterschauen: Possession (Zulawski)

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Donnerstag, 20. Februar 2014

Nymph()maniac: Vol. 1


Nymph()maniac: Vol. 1
Dänemark 2013
Regie: Lars von Trier
Darsteller: Charlotte Gainsbourg, Stellan Skarsgård, Shia LaBeof, Stacey Martin, Christian Slater, Uma Thurman, Connie Nielsen u.a.

Die absolute filmische Selbstverwirklichung. Dieser Film überschreitet nicht einmal mehr Grenzen - er negiert Grenzen, Grenzen des Erzählens, Grenzen der filmischen Darstellung. Er ist ein Inbegriff von filmischer Freiheit, weil er die Stimmung, die er erzeugt, niemals aufrecht erhalten muss - genauso wenig, wie es das Leben muss. Die Szene mit Uma Thurman macht es deutlich, es ist diese Szene, die dem Satz "man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll" wirklich würdig ist, weil sie todtraurig und kaum erträglich intim und gleichzeitig unfassbar grotesk und komisch ist. Sie kann eigentlich nicht funktionieren, tut es aber, weil der ganze Film sich konsequent einer Eingrenzung verwehrt. Er ist eine Komödie, eine Tragödie, ein Porno, ein Drama, ein Märchen und eine kulturwissenschaftliche Diskussion, ein Liebesfilm, ein Horrofilm, Mitgefühl, Zynismus, Kälte, Mitleid, Hohn, Würdigung und Satire. Ein Film ist eine Metapher ist das Leben ist eine Metapher ist ein Film. Lars von Trier geht (ähnlich wie damals in Idioten) sogar so weit, dass er schon die mögliche Reflektion der Geschichte reflektiert (oder: reflektieren lässt). Wem gehört eigentlich eine Erzählung, dem Erzähler oder dem, dem sie erzählt wird? Oder doch dem, der dem Erzählprozess zuschaut - ja, es gibt nun auch eine dritte Ebene. Bestimmt auch eine vierte und fünfte und eine im doppelten Boden. Die Filme des Lars von Trier waren schon immer Labyrinthe der Wahrnehmung und Beurteilung, aber jetzt, so scheint es, haben sich die Wände dieser Labyrinthe aufgelöst. Der Film als Medium entkommt seiner Fruchtblase, könnte man sagen, wenn man einer plötzlichen Euphorie verfallen sein sollte, aber wenn dieses Werk eines provoziert, dann ist es diese Euphorie, einem Meilenstein (wenn auch nur einem Teil) beigewohnt zu haben. Wie gesagt, die absolute filmische Selbstverwirklichung, oder: Warum von Trier mein größter, tollster, bester Lieblingsregisseur ist und bleibt und warum Film das schönste ist, was der Mensch jemals hätte schaffen können.
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Weiterschauen: Kill Bill (Tarantino), Idioten (von Trier)


spontane, voreilige, gelebte 10

Freitag, 7. Februar 2014

Der Hobbit: Smaugs Einöde


The Hobbit: The Desolation of Smaug
USA 2013
Regie: Peter Jackson
Darsteller: Martin Freeman, Ian McKellen, Benedict Cumberbatch, Richard Armitage, Orlando Bloom, Lee Pace, Evangeline Lilly, Aidan Turner

Der lange Weg des Peter Jackson: Von skurril-verspielten (und äußerst blutigen) Grotesken hin zur epischsten und ernstesten Fantasyerzählung, die das Kino jemals gesehen hatte. Nun scheint es, als würde eine gewisse Nostalgie den Regisseur befallen - ist der Boden der Bodenständigkeit doch ein hartes Pflaster? Warum nicht einfach den visuellen Realismus auf eine neue Stufe bringen - das Kino von heute ist 48-mal Wahrheit und Lüge in der Sekunde*. Das war schon während der ersten Revisite von Mittelerde leicht verwirrend, wenn Riesen aus Stein und Fels sich so nahe wie die Real-RTLer in einem überfüllten Bus anfühlten, aber erst in Smaugs Einöde werden die teuflischen Ausmaße von HFR 3D wirklich erkennbar: Das ist nicht mehr ein hyperrealer Fantasyfilm, dass ist ein hyperrealer Fantasyanimationsfilm! Die Physik von diesem Film folgt nämlich gar keinen Gesetzen mehr, höchstens noch denen des Zeichentrickfilms oder eines Videospiels: Hier kann Legolas mit der Sprungpräzision eines italienischen Klempners über einen reißenden Fluss speedrunnen und Headshots verteilen, als würde er über ein Anvisiersystem verfügen, hier schmelzen drölfzig Tonnen Gold schneller als ein Plastikbecher auf einer heißen Herdplatte, hier rennen Orks über klapprige Dächer mit der Lautstärke eines schlafenden Schmetterlings. Und wenn wir schon den Feind nicht besiegen können, dann färben wir ihn golden! Vielleicht schämt er sich dann von selbst zu Tode. Das alles so vor der Nase und gefühlt echt, dass man teils gar nicht mehr wissen will, wie Filme ein paar Dekaden weiter aussehen könnten. Und trotz allem, der Ton bleibt düster, manchmal todernst und dann präsentiert der Film in der Schwärze Saurons das greifbarste ungreifbare Böse, was jemals hätte visuell eingefangen werden können. Nein, das ist definitiv nicht der neue Herr der Ringe, aber nein, das ist kein Grund zur Trauer. Mittelerde lebt weiter und möchte feiern, wie es sich für das Jahrzehnt gehört. Leider? Leider geil.
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*Grüße an Godard und Fassbinder.

- Ja, ich bin ein Fan von HFR 3D, es fühlt sich nicht unbedingt gesund an, aber welche Immersion!
- Noch einmal: Saurons Auge war hier optisch mit das Beste, was ich je (im Kino) erblicken durfte. (siehe auch Zeile drüber)
Weiterschauen: Die Abenteuer von Tim und Struppi (Spielberg; bin gerade mal sehr auf Jacksons Fortsetzung davon gespannt)

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Freitag, 31. Januar 2014

Eine Frau, von der man spricht


Uwasa no onna
Japan 1954
Regie: Kenji Mizoguchi
Darsteller: Kinuyo Tanaka, Yoshiko Kuga, Tomoemon Otani u.a.

Yukiko ist nicht gut zu sprechen auf ihre Mutter: Diese hat zwar für ihre gute Bildung gesorgt, allerdings mit dem Geld aus dem familieneigenen Bordell. Die Last, nur dank fremder Prostitution sozial aufgestiegen zu sein, nagt an ihrem Gewissen - und der junge Arzt Matoba an ihren Gefühlen. Doch auf diesen hat auch die Mutter bereits Auge und Hoffnung gelegt - und wie sagt man so oft: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Kenji Mizoguchi widmet sich (wieder einmal) Frauen mit teils abseitigen Professionen und zieht vor dem Hintergrund eines geschäftigen Geishahauses eine verzwickte Mutter-Tochter-Falle auf, die durch einen Dritten aus- wie gelöst wird. Eine Frau, von der man spricht fängt dort an, wo Die Festmusik von Gion vor einem Jahr aufgehört hat: In einer Welt, in der "Geisha" und "Prostituierte" Synonyme geworden sind. Da kann Yukiko sich noch so laut über die Ungerechtigkeit, die sie selbst als Bevorteilte spürt, aufregen: Erst nähert sie sich den Menschen dahinter, dann, unvermeidlich, dem System, nachdem die Liebe sie ein zweites Mal fallen lässt. Und währenddessen stellt sich ihre Mutter als die titelgebende Frau, von der man spricht heraus, wenn ihr die Gesichtszüge entgleiten, als sie einer No-Theater-Komödie beiwohnen muss, in der die Liebeslust einer alten Frau als Lachnummer und Lächerlichkeit präsentiert wird. Eine heikle Situation baut sich auf, aber nichts rauft Menschen mehr zusammen als ein gemeinsamer Feind. Am Ende scheint alles wieder heil und wäre es auch, hinge die bestätigte Ausweglosigkeit nicht so bleiern drüber.

"You know, in some ways, life is all about suffering, but you have to learn to live with it." - "...A strange feeling came over me, when I sat at reception today. In a way, I felt like I'd been sitting there all my life. And I felt that I could happily sit there for the rest of my life, too." - "You sat there from the moment you were inside my tomb."

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- Einer von drei (!) Filmen von Mizoguchi, die 1954 erschienen sind (Sansho Dayu und Chikamatsu monogatari kamen im selben Jahr raus) - Respekt für das Arbeitstempo (2).

- Dürfte das erste Mal sein, dass Mizoguchi mit eingebauten (No-)Theaterszenen gearbeitet hat. Dass es auch Komödien in dieser Form gab, ist logisch, war mir aber neu (und nicht unbedingt mein Humor). Dafür sind die Szenen immerhin untertitelt (shame on Criterion's Kagemusha).
- Ich denke gerade auch an "Viele, die eine Ahnung haben von ihren Möglichkeiten und ihren Bedürfnissen und trotzdem das herrschende System in ihrem Kopf akzeptieren durch ihre Taten und es somit festigen und durchaus bestätigen", habe den entsprechenden Film zwar noch nicht gesehen, der Satz passt aber um eine Ecke.
Weiterschauen: Die Festmusik von Gion (und alles Weitere von Mizoguchi), Die Reifeprüfung (aus der Sicht des Mannes ist's wohl einfacher)


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Samstag, 25. Januar 2014

Die Legende vom Meister der Rollbilder


Chikamatsu monogatari
Japan 1954
Regie: Kenji Mizoguchi
Darsteller: Kazuo Hasegawa, Kyôko Kagawa, Eitarô Shindô, Yôko Minamido u.a.

Eine Tragödie, wie man sie definiert. Ein reicher Mann, eine unterdrückte Frau, ein verschuldeter Bruder, ein fleißiger Bediensteter, eine verliebte Dienerin. Eine halbe Stunde und das soziale Gefüge scheitert an jedem noch so kleinen Bruch, Liebe, Wolllust, Loyalität, Eifersucht und Gier treiben die unglücklich Verheiratete und den unglücklich Verliebten aus der Gesellschaft und sie kommen dort an, wo sie nur in ihren eigenen Augen noch (oder jetzt erst?) Menschen sind. "Wäre sie doch besser gestorben", sagen dagegen die anderen: In dieser Welt ist man besser zerfallen als gefallen. Man glaubt es kaum, wie spannend dieser Film zuweilen ist, wenn er in der ersten halben Stunde ein unglaublich menschliches Untergangsszenario beschwört, aber Kenji Mizoguchi bleibt weiterhin ein Garant für Qualität und Überraschungen. Und während die Ausgestoßenen noch ineinander zu fliehen versuchen, werden sie von den Mächtigen dieser Welt bereits wieder als Mittel zum Zweck missbraucht - der Fall des einen ist auch immer der Aufstieg eines anderen. Irgendwann scheint es zu Ende, manche feiern bereits eine positive Bilanz einer verborgenen Gefühlsodyssee - doch die Liebe ist stark wie der Tod und die Wahrheit ist noch stärker. Gerechtigkeit mit Kollateralschaden, aber: Man habe sie ja noch nie so glücklich gesehen, sagt eine Frau aus der Menge, als die lange zuvor angekündigte Schlusszeremonie abläuft - und wir wissen, dass sie recht hat.

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- Einer von drei (!) Filmen von Mizoguchi, die 1954 erschienen sind (Sansho Dayu und Uwasa no onna kamen im selben Jahr raus) - Respekt für das Arbeitstempo.
- Apropos Arbeitstempo: Da muss ich direkt an Fassbinder denken - die beiden Regisseure verbindet auch eine große Hingabe an Frauenfiguren in Filmen (beides darf man heutzutage öfters vermissen).
- Es heißt, Mizoguchi hätte sich hier vergleichsweise wenig Mühe gegeben - hätte ich definitiv nicht bemerkt.
- Basiert auf einem Puppentheaterstück von Chikamatsu Monzaemon anno 1715 (der gute Mann gilt als der erste, der literarisch wertvolle Puppentheaterstücke in Japan verfasste). Weiterschauen: Alles weitere von Mizoguchi (ich empfehle sehr die LATE MIZOGUCHI-Box von Masters of Cinema; gibt's mittlerweile auch als Blu-ray-Ausgabe)


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